Medellín – Der lange Weg aus der Vergangenheit

Anfangs wollte ich über Medellín schreiben, ohne zu sehr auf ihre Vergangenheit einzugehen, doch dann habe ich gemerkt, dass das einfach nicht möglich ist. Man muss verstehen, was diese Stadt in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat, um die Gegenwart zu begreifen.

In den 80er-Jahren begann sich in Medellín rund um ihren berüchtigtsten Sohn, den Drogenbaron Pablo Escobar, das sogenannte Medellín-Kartell zu bilden. Was in den nächsten Jahren folgte, waren Gewalt, Drogen und Tod. Die Stadt versank im Chaos, das selbst die lokale Regierung nicht zu kontrollieren wusste. Escobar und sein Kartell kontrollierten weite Teile von Medellín und ihr öffentliches Leben. So standen Exekutionen und Entführungen auf offener Straße auf der Tagesordnung. Escobar soll seinen gefürchteten Motorrad-Killern sogar 1000 US-Dollar pro ermordeten Polizisten geboten haben. Familien fürchteten um ihre Angehörigen, wenn diese in der Früh zur Arbeit fuhren, weil sie nicht wussten, ob sie sie lebend wiedersehen würden und für weiße Ausländer war die Stadt sowieso eine absolute No-Go-Zone. Doch Escobar wurde 1993 auf einem Dach in der Innenstadt von kolumbianischen Streitkräften unterstütz durch die CIA ermordet, und das Kartell begann langsam zu zerfallen. Dies war auch die Stunde der Wiedergeburt Medellíns.

Heute präsentiert sich die Stadt vollkommen anders. Sie ist zwar nach wie vor an vielen Orten heruntergewirtschaftet und braucht dringend Investitionen in die Infrastruktur, doch an die dunklen Tage von vor 25 Jahren erinnern nur mehr Geschichten. Und hier setzt auch meine Kritik an: Es ist verständlich, dass die Stadt versucht die alten Wunden zu schließen und die Gräben zuzuschütten, um ein friedliches Miteinander zu ermöglichen, doch wird dies durch die vollkommene Ausblendung der Vergangenheit versucht. Es gibt keine staatlichen Einrichtungen, die versuchen, das Geschehene aufzuarbeiten und kritisch zu hinterfragen. Im Gegenteil: Über Escobar und das Kartell wird nicht gesprochen.

Allein private Touranbieter befriedigen die Neugier der ausländischen Touristen. Dies geschieht vollkommen unreguliert und nimmt teilweise groteske Züge an. So kann man für viel Geld etwa eine Tour buchen, bei der man die wichtigsten Orte in Verbindung mit dem Medellín-Kartell besucht, wobei am Ende sogar ein Treffen mit Escobars Bruder auf dem Plan steht (kein Spaß!). Auch kann man das Dach besuchen, auf dem Pablo erschossen wurde, oder auch das Grab am Friedhof von Medellín.

So wichtig ich es finde, dass man sich der Zeit erinnert, so schlimmer finde ich es, wenn man diesen Raum Organisationen überlässt, die einzig und allein auf Profit ausgelegt sind. Hier hat die Stadt und der Staat versagt. Dies zeigt sich auch an einer Geschichte, die ich von zwei Münchnern gehört habe:

Außerhalb von Medellín befindet sich die „Hacienda Nápoles“, die Ranch, auf der Escobar gelebt hat und die er in eine Art Disneyland umgewandelt hatte. Doch anstatt diesen geschichtsträchtigen Ort als Museum zu nutzen, die Gräueltaten des Kartells zu beleuchten und Aufklärung zu betreiben (viele, vor allem ärmere Kolumbianer sehen Escobar immer noch als Helden) hat die Regierung damit begonnen, teile der Anlage abzureißen, um den nahegelegenen Wasserpark zu erweitern. Was soll man dazu noch sagen?

 

Ein paar visuelle eindrücke aus Medellín:

 

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