Potosi – Unter Tage

Staubig. Die Straßen, die Häuser, die Menschen. Grau, braun, beige. Die ganze Stadt ist davon betroffen. Das ist der erste Eindruck, den ich hatte, als wir in Potosí ankamen. Zwei Nächte hatten wir geplant hierzubleiben, und das eigentlich auch nur aus einem Grund: dem „Cerro Rico de Potosí. Hoch über der Stadt thront er, der Gipfel des „reichen Bergs von Potosí“, den die Spanier seinen Namen gegeben hatten, nachdem sie die Schätze entdeckt hatten, die tief im Berg schlummern. Im Spanischen gibt es sogar ein Sprichwort: „Vale un Potosí“, das so viel bedeutet wie „ein Vermögen wert sein“.

Im Zentrum der Stadt gibt es einige Agenturen, die Führungen in eines der Bergwerke anbieten, und alle werben sie mit den Worten „authentisch“ oder „echt“. Ohne Hilfe wäre es wohl schwierig gewesen, den besten Anbieter zu finden, doch von vielen Seiten wurde uns allein „Big Deal Tours“ empfohlen. Die Agentur sei die einzige, die tatsächlich ausschließlich aus ehemaligen „mineros“ besteht, und Zutritt zu den noch aktiven Bergwerken hat. Alle anderen seien nur Touristenattraktionen – etwas, das wir natürlich nicht wollen. Doch es hat auch einen Haken: Zum ersten Mal las ich im Lonely Planet eine derart eindeutige Warnung, die Tour anzutreten. Mehrmals wurde darauf hingewiesen, dass Unfälle häufig vorkommen, und auch die erfahrensten mineros davon betroffen sind. Jährlich sterben mehrere Arbeiter in den Minen auf der Suche nach materiellem Reichtum. Dennoch entscheiden wir uns, das Risiko einzugehen.

Der Berg vom Eingang aus

Gegen 09:00 Uhr morgens treffen wir uns vor der Agentur und zusammen mit 6 anderen Touristen geht es in einem kleinen Bus Richtung Berg. Auf halber Strecke bleiben wir stehen, um uns umzuziehen. Wir bekommen einen Overall, Stiefel, einen Mundschutz, einen Helm, Stirnlampe und einen kleinen Rucksack, der aus alten Reissäcken genäht wurde, für die notwendigsten Sachen, die wir im Berg brauchen. Danach werden wir in zwei Gruppen eingeteilt: eine, die Spanisch spricht, und eine, die das nicht tut. Doch anstatt direkt zum Berg zu fahren, halten wir erneut an dessen Fuß, um sich kurz am „mercado de mineros“ umzusehen. In diesem Markt treffen sich die Arbeiter jeden Tag, bevor sie gemeinsam zur Arbeit fahren. Außerdem nutzten sie ihn, um fehlende Ausrüstung einzukaufen, denn die meisten mineros sind selbstständig, und müssen daher ihr Arbeitsgerät auch selbst bezahlen. Des weiteren werden auch noch Softdrinks und das sehr beliebte, und in der EU verbotene, Coca für den Tag eingekauft. Unser Führer bittet uns, ein paar kleine Geschenke für die Arbeiter in den Minen mitzubringen. Nichts Großartiges, nur eine Flasche Sprite oder einen Beutel Coca. Wir tun wie uns geheißen, und bezahlen etwa 2€ für die kleinen Mitbringsel. Dann wird es das erste Mal spannend: Unser Führer bittet uns zur Seite und zieht eine Stange Dynamit aus der Tasche. Er erklärt uns, dass dies der einzige Ort der Welt sei, an dem man Sprengstoff völlig frei und legal kaufen könne. Er reicht die Stange TNT herum und sagt, dass wir uns nicht fürchten müssten, denn ohne einen Zünder sei es nicht gefährlich. Als er es wieder in den Händen hält, demonstriert er das eben gesagte, und wirft die Stange mit viel Kraft auf den Boden. Kurz stockt jedem der Atmen, doch nichts passiert. Er lacht. Wir lachen mit, wenn auch etwas gezwungen.

Hier kauft der minero von Welt seine Sachen

Nach weiteren 10 Minuten im Bus erreichten wir dann den Eingang zur Mine. An den Stützbalken wurde Lamablut verteilt, um den Gott des Berges zufriedenzustellen. Die mineros gelten als sehr gläubig gegenüber den alten Götter, und in den Minen wird immer noch die prä-kolumbianische Sprache „Ketschua“ gesprochen. Wir betreten die Mine und schnell wird mit klar, dass dieser Ort nicht für große Europäer gebaut wurde. Nicht nur einmal stoße ich mir meinen Kopf an der tiefen Decke. Zum Glück hatte ich ja meinen Helm, sonst wäre ich wohl am nächsten Tag mit großem Kopfweh aufgewacht.

In der Mine – dunkel, staubig und stickig

Umso tiefer wir in die Mine klettern, umso schwerer fällt das atmen, und der Mundschutz ist hierbei keine Hilfe, doch absetzen will ihn auch keiner, denn die Luft ist voll mit Staub. Auf unserem Rundgang treffen wir mehrere Arbeiter, denen wir unsere Geschenke geben und unsere Fragen zum Alltag beantworten. Ein durchschnittlicher Arbeitstag dauert etwa 7-9 Stunden und der Verdienst liegt, je nach Erfolg, bei 400 bis 800 Dollar im Monat – ein gutes Gehalt für einen Bolivianer. Doch der Preis dafür ist hoch. Nicht nur die immer gegenwärtige Gefahr einer Verschüttung schwebt wie ein Damoklesschwert über den mineros. Auch die Langzeitfolgen gefährden die Arbeiter. Staublungen hat fast jeder. Viele beginnen schon mit 12 oder 13 Jahren in den Minen zu arbeiten. Nur wenige schaffen es länger als 20 Jahre hier. Danach sind die körperlich am Ende. Eine Ausnahme stellt Don Pedro dar: er ist der älteste minero und auch einer der wenigen, der vollkommen allein arbeitet. Seit fast 45 Jahren schuftet er hier im Dunkeln. Ein anderes Leben kann er sich nicht vorstellen.

Am Ende der Tour setzen wir uns nieder, und reden etwas mit unserem Guide. Vor uns sitzt auch der Gott des Berges. Dabei handelt es sich um eine Statue aus Stein und Salz mit Lamafell und Hörnern. Unter seiner Kleidung befindet sich ein Herz aus reinem Silber. Er repräsentiert den Berg und soll die mineros von den Gefahren beschützen. Um ihn herum liegen Zigaretten, Münzen und leere Alkoholflaschen. Auch unser Guide hat eine kleine dabei. 97 VOL% steht darauf. Der Gott des Berges scheint ein harter Hund zu sein. Jeder darf einen Wunsch äußern. Danach verschüttet man ein paar Tropfen über dem Gott, und nimmt selbst einen Schluck. Erst als der Alkohol schon auf halbem Weg meine Kehle hinunter ist, bemerke ich die Unüberlegtheit dieses Unterfangens. Wer glaubt, Vodka brennt, dem empfehle ich dieses Zeug. Erst nach etwa einer Stunde, als wir die Mine schon lang verlassen haben, verschwindet auch das warm-brennende Gefühl in meinem Magen. Naja immerhin musste ich mir an diesem Tag keine Gedanken mehr über Magenkrankheiten machen, denn diese Behandlung hatte sicher nichts überlebt.

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