Minsk – Zurück in die Vergangenheit

Der Nachtzug, der mich von Kiew in die weißrussische Hauptstadt Minsk bringen soll, ist komplett ausgebucht, und dennoch bin ich der einzige erkennbare Ausländer. Trotz dieses Umstandes scheint es kaum jemanden zu interessieren, dass ich hier bin. Alle sind damit beschäftigt, ihr Bett für die Nacht zu beziehen. Als wir abfahren, wird mir zum ersten Mal bewusst, dass ich gerade dabei bin in ein Land zu reisen, dass so nah an zu Hause liegt, und sich doch ewig weit weg anfühlt.

Viel weiß man ja eigentlich nicht über diese ehemalige Sowjetrepublik irgendwo am Rande Europas. In den Medien wird die oft als „letzte Diktatur Europas“ bezeichnet, Staatspräsident Lukaschenko regiert mit eiserner Hand, und der Inlandgeheimdienst nennt sich immer noch KGB. Mit diesen drei Gedanken im Kopf überquere ich wenige Stunden später die weißrussische Grenze. Kurz danach halten wir auch schon an, und einige Grenzbeamte mit breiten Tellerkappen und Schäferhunden betreten den Zug. Plötzlich bemerke ich, dass mir etwas flau im Magen geworden ist. Warum weiß ich auch nicht so genau, immerhin habe ich absolut nichts zu verbergen und reise mit einem gültigen Visum, aber dennoch liegt eine gewisse Kälte in der Luft. So muss man sich als „Westler“ gefühlt haben, als man in den 80ern in die Sowjetunion reisen wollte.

Erinnerung an den „Großen vaterländischen Krieg“

Natürlich fallen die Augen der Beamten schon bald auf mich, und ich werde als einziger befragt, während ein anderer Tellerkappenträger meinen Pass durchblättert. Ohne ihn mir zurückzugeben, wird auch mein Gepäck kontrolliert. Nach einigen Minuten der Anspannung wird mein Pass samt Stempel wieder an mich zurückgegeben. Nachdem die Grenzschützer den Zug verlassen haben gehen die Lichter wieder aus und wir fahren weiter.

Als ich den Hauptbahnhof in Minsk verlasse, bemerkte ich erstmal, wie modern die Stadt wirkt. Kaum ein Haus scheint vor 1945 gebaut worden zu sein. Die Straßen sind breit und neu. Kaum eine Menschenseele ist zu sehen. Es ist 6 Uhr morgens und es regnet.

Christopher, der, als ich ihn von meinen Reiseplänen erzählt hatte, natürlich mitkommen wollte, hatte uns schon im Vorfeld ein Hostel ausgesucht, zu dem ich nun versuchte, zu kommen. Zu weitläufig ist die Stadt, um zu Fuß zu gehen, also nehme ich ein Taxi, welches überraschend teuer ist. Während der Fahrt gewinne ich meine ersten Eindrücke von Minsk: Die Stadt ist sauber und weitläufig. Wir fahren vorbei an Theatern, Stadien, staatlichen Einrichtungen und Plattenbauten, doch vor allem eines fällt mir auf: die Stadt wirkt wie ausgestorben. Kaum ein Auto fährt auf den meist drei-spurigen Hauptstraßen. Niemand geht spazieren oder einkaufen.

Plattenbauten in Minsk

Im Hostel angekommen fragt man mich erstmal, ob ich denn Hr. Christopher sei, was ich mit einem Schmunzeln verneine. Ich erkläre, dass dieser erst in ein paar Stunden landen werde. Danach werde ich nach meiner Touristenkarte gefragt, die ich bei der Einreise erhalten hatte. Auf der Rückseite wird ein großer Stempel angebracht, dass ich eine Nacht in diesem Hostel geschlafen haben. Der Sinn dahinter: Jeder Ausländer, der nach Weißrussland reist, muss in einer lizensierten Unterkunft übernachten, was auf der Rückseite der Einreisekarte festgehalten wird. Was passiert, wenn diese Dokumentation bei der Ausreise lückenhaft ist, möchte ich eher nicht herausfinden.

Wir haben einen Schlafsaal mit 10 Personen gebucht, doch in diesem ist gerade ein Gast. Ein junger Mann aus Moldawien, der gerade schläft, als ich ankomme. Die Rezeptionistin erzählt mir, dass er und ein weiterer Gast letzte Nacht handgreiflich wurden, weshalb sie nun in getrennten Zimmern schlafen müssen. Wie im Kindergarten.

Als Christopher wenig später ankommt, bin ich froh, dass wir uns zuvor schon entschlossen hatten, ein Mietauto zu nehmen, denn ohne wäre das Herumkommen in der Stadt äußerst schwierig gewesen. Wir beschließen also erstmal, ein bisschen in der Stadt herumzufahren, denn einen echten Plan haben wir nicht. Der Vorteil von Minsk ist, dass man ohne große Schwierigkeiten überall mit dem Auto hinkommt. Wir halten an einigen protzigen Sowjetbauten, die keinen richtigen Zweck zu erfüllen scheinen. Alles ist aus Beton und Glas. Bei Sonnenuntergang stehen wir am Parlament, welches im Abendlicht zu leuchten scheint. Am Horizont versinken die dunklen Regenwolken des Tages im goldenen Licht. Ein farblich-malerischer Moment im sonst so grauen Minsk.

Parlament im Sonnenuntergang

Wir fahren Richtung Zentrum, und finden eine beleuchtete Straße, die vermutlich einer der wenigen Orte ist, die den zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden haben. In Ermangelung an einheimischer Küche, essen wir bei McDonald’s (eine Zwecklösung, doch was soll man machen?). Anschließend bleiben wir noch an der Siegessäule im Zentrum der Stadt stehen, vor der eine ewige Flamme die Nacht erhellt. Ein Denkmal für diejenigen, die für die Sowjetunion ihr Leben ließen, bekräftigt durch eine große Bronzeplakette, auf der Hammer und Sichel deutlich zu erkennen sind.

Siegerdenkmal mit Hammer & Sichel

Kurz bevor wir ins Bett gehen, beschließen wir, dass wir Minsk schon am nächsten Nachmittag den Rücken kehren werden, um nach Gomel im Süd-Osten des Landes zu fahren. Doch zuvor wollen wir doch noch einmal sehen, ob die Hauptstadt etwas zu bieten hat.

Vormittags fahren wir Richtung Leninplatz, und dieser hält was er verspricht: Vor dem Regierungsgebäude im Herzen der Stadt steht er, Wladimir Iljitsch Uljanow, oder kurz gesagt: Lenin, Vater der Sowjetunion. Während seine Statuen in den meisten anderen ehemaligen Sowjetrepubliken kurz nach deren Zerfall gestürzt wurden, oder so wie in Odessa, zu einem Darth Vader umgestaltet wurden, blickt er in der weißrussischen Hauptstadt 28 Jahre nach Ende des Warschauer Pakts immer noch mit düsterer Miene auf sein Volk herab. Der Platz selbst ist riesig, und bewacht von Polizisten. Niemand außer uns ist sonst noch hier. Erneut macht sich ein beklemmendes Gefühl breit, auch wenn ich weiß, dass uns keine Gefahr droht. Es ist einfach das Gefühl, als würden wir das Jahr 1975 schreiben, und nicht 2017. Alles, was ich bisher hier gesehen habe, passt nicht in die Vorstellung unserer Zeit. Gerade hier fühlt es sich so an, als würde immer noch eine Grenze durch Europa verlaufen, auch wenn sich diese seit der EU-Osterweiterung deutlich nach Osten verschoben hat. Kaum Vorstellbar, dass Polen, und damit die EU, nur einige hundert Kilometer westlich von hier liegen.

Lenins strenger Blick

Mit diesen Eindrücken verlassen wir Minsk, und fahren Richtung Süden, in die zweitgrößte Stadt des Landes.

 

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