Chisinau – Grau in grau

Als ich mit dem Flugzeug auf der Landebahn in Chisinau aufsetze, geht gerade die Sonne unter. Dass dies so ist, weiß ich aber auch nur, weil es langsam dunkel wird, denn sehen kann ich die Sonne nicht. Es ist nass-kalt und feine Regentropfen schlagen gegen die Fenster des Flugzeuges. Schon beim Landeanflug konnte ich einen ersten Blick auf die Hauptstadt Moldawiens werfen, und wirklich überzeugend sah es nicht aus. Ein Meer an Häusern so grau wie der Himmel darüber.

Das Flugzeug selbst war halb leer. An der Passkontrolle gibt es keine Schlangen, und schnell habe ich einen neuen Stempel im Pass, der verdächtig ähnlich aussieht wie jener, den man bei der Einreise in den Schengenraum bekommt, nur ohne Sterne.

Es gibt sage und schreibe ein Gepäcksband, auf dem einige wenige Koffer im Kreis fahren. Die Deckenplatten in der Ankunftshalle sind teilweise lose, und hängen herab. Ich werfe einen Blick auf den kleinen Bildschirm und sehe, dass der nächste Flug erst in zwei Stunden landen wird. Dieser sollte dann auch der letzte für diesen Tag gewesen sein.  Kurz gesagt: der Flughafen machte schon genau den Eindruck, den ich von Moldawien in meinem Kopf hatte.

Chisinau Hotel

Nun aber zur Frage, was jemanden denn eigentlich in dieses kleine Land, eingekesselt zwischen Rumänien und der Ukraine treibt. Um ehrlich zu sein, weiß ich das auch nicht so genau. Der Plan war es jedenfalls, 2 Tage in Chisinau zu bleiben, danach den Nachtzug nach Kiew, Ukraine zu nehmen, um von dort wiederrum mit dem Nachtzug nach Minsk, Weißrussland zu fahren, wo ich auf Christopher treffen sollte, der direkt aus Deutschland dorthin fliegen würde. Klingt alles kompliziert? Ist es auch, doch ansonsten hätte ich in nächster Zukunft wohl keine Möglichkeit gehabt in dieses vergessene Land in Osteuropa zu kommen.

Da es an dieser Stelle vielleicht am besten passt: Je nachdem, welcher Internetquelle man folgt, liegt Moldawien auf dem ersten, zweiten oder dritten Rang, wenn es um die Frage nach dem am wenigsten bereisten Land Europas geht, und um ehrlich zu sein: ich kann mir auch denken warum. Doch ich sollte vielleicht nicht so negativ über diese Stadt schreiben, denn rückblickend gesehen hatte sie doch einen gewissen Reiz. Doch der Reihe nach.

Mit dem Taxi geht es direkt zu meinem Hostel. Mittlerweile ist es dunkel geworden, und mit dunkel meine ich komplett dunkel. Denn wenn man von der „Autobahn“ abfährt, und in eine der Seitengassen abbiegt, verschwindet auch automatisch die Straßenbeleuchtung. Schlaglöcher werden demnach von meinem Fahrer erst recht spät erkannt, was immer wieder zu ruckartigen Ausweichmanövern führt.

Für den nächsten Tag habe ich mir relativ wenig vorgenommen, außer, das Zugticket für den kommenden Tag nach Kiew zu besorgen. Doch um auch etwas von der Stadt zu sehen, beschließe ich erstmal, drauf los zu gehen, denn irgendetwas würde sich doch bestimmt finden lassen, was von Interesse wäre. Richtig? Naja. Die Stadt an sich ist weder sonderlich ansehnlich noch relativ groß, aber wenigstens letzteres hat so seine Vorteile. Ein wirkliches Zentrum findet sich in Chisinau nicht. Es gibt eine Einkaufsstraße, die so aber vermutlich in jeder mittelgroßen osteuropäischen Stadt zu finden ist.  Gegenüber des Parlaments liegt ein großer Park mit Trumpfbogen, in dem die Einwohner ihr Wochenende verbringen. Dort gibt es auch ein recht gutes Restaurant mit überraschend gutem Essen und billigem Bier. Nachdem es dort auch gratis W-LAN gab, wurde es kurzerhand zu meinem Lieblingsort in Chisinau erklärt.

Nach etwas Recherche stelle ich fest, dass es in der Stadt durchaus einige Orte geben soll, die interessant sein könnten. Allen voran der alte jüdische Friedhof am Stadtrand, als auch das alte Theater, welches Anfang der 2000er-Jahre stillgelegt wurde. Auf einer Seite finde ich Informationen dazu, wie man sich Zutritt verschaffen kann. Ich setzte beides auf meine Agenda für den kommenden Tag, denn sich beide Sachen anzusehen würde sich an diesem Tag nicht mehr ausgehen.

 

Flamme der Freiheit

Früh starte ich also Richtung jüdischer Friedhof, der etwa 1,5h Fußmarsch von meinem Hostel entfernt liegt. Dabei komme ich auch ganz unverhofft am armenischen Friedhof vorbei, den ich gleich mitbesichtige. Am jüdischen Friedhof durchquere ich das schwere mit Eisen beschlagene Eingangsdort, und finde mich plötzlich in einer anderen Welt wieder. Links neben dem Eingang döst ein älterer Herr mit Kippa vor sich hin. Nur er und ich teilen und diesen Moment der Stille. Ich will ihn nicht wecken, weshalb ich leise an ihm vorbeigehe, immer gerade aus, der Hauptallee entlang.

Jüdischer Friedhof Hauptallee

Was ich so mitbekommen habe, teilt sich der Friedhof in einen alten und einen sehr alten Teil. Der etwas neuere wird auch in Stand gehalten, nur erkennt man recht schnell, dass dazu einfach die nötigen Hände fehlen. An vielen Stellen beginnt die Natur die Grabsteine bereits zu überwachsen, und an anderen ist kaum mehr auszumachen, dass sich hier die letzte Ruhestätte vieler befindet. Dass man in den antiken Teil des Friedhofs wechselt, bemerkt man anfangs kaum, doch dann immer mehr und mehr. Die Grabsteine verändern sich und das Gestrüpp nimmt überhand. Dicht an dicht reihen dich die Grabsteine. Oft sind sie auch umzäunt oder gleich in einen Art Käfig gefasst. Es ist bereits September, und das Laub beginnt von den Bäumen zu fallen, was dem ganzen Ort einen ganz speziellen Charakter verleiht.

 Gräber im jüdischen Friedhof

Am hintersten Rand finden sich dann ganze Reihen an umgefallenen, zerbrochenen und schiefen Grabsteinen, deren Inschriften im Laufe der Jahrzehnte durch Wind und Wetter beinahe komplett geschliffen wurden. Jahreszahlen sind oft nicht mehr erkennbar und nur hie und da blinzelt ein Davidstern durch das Dickicht. Einige Vögel zwitschern, ansonsten ist es totenstill. Obwohl kaum ein Lufthauch durch das dichte geäst dringt, ist es kalt. Ich mache meine Jacke zu.

Umgestürzte Grabstein

An der Friedhofsmauer entdecke ich dann einen alten Tempel, der offensichtlich zu einem Opfer der Zeit geworden ist. Kaum noch etwas ist übrig von dem Ort, an dem vermutlich die Begräbniszeremonie abgehalten wurde. Durch einen engen Spalt in der Eingangstür kann man sich hindurchzwängen, um in das Innere zu gelangen. Das Dach ist schon vor langer Zeit eingestürzt. Nur doch die Kuppel überspannt die Außenmauern. Ansonsten ist der Tempel leer.

Alter jüdischer Tempel

Schritt für Schritt lichtet sich die Umgebung, und zum ersten Mal seit meiner Ankunft sehe ich die Sonne. Ich verlasse den Friedhof und mache mich auf den Weg Richtung Theater.

Leider muss ich feststellen, dass dieses seit geraumer Zeit wieder in Benutzung ist, wodurch ich die Idee des unerlaubten Einsteigens verwerfe. Von außen macht es dennoch einen spannenden Eindruck.

Außenfassade des Stadttheaters

Am Abend mache ich mich dann mit Sack und Pack auf Richtung Bahnhof. Dort angekommen bin ich, wie schon so oft in den letzten beiden Tagen, allein. Nur eine Bahnhofsbeamtin steht desinteressiert herum. Ich zeige ihr mein Ticket, und sie schickt mich auf das gegenüberliegende Gleis (der Vorteil: es gibt nur 2). Ich steige ein, und bin überrascht, dass der Zug relativ voll ist. Ich mache mein Bett (immerhin gibt es Matratzen, Leintücher und Decken) und lege mich schlafen. Kurz nachdem der Zug in kompletter Dunkelheit abgefahren war, schlafe ich ein.

In der Nacht wache ich auf und stelle mit Verwunderung fest, dass ich nur noch einer von drei verbliebenen Fahrgästen im ganzen Waggon war. Ich fahre dritte Klasse und es ist eiskalt. Verzweifelt suche ich nach einer weiteren Decke, werde aber nicht fündig. Verdrossen kehre ich zu meinem Schlafplatz zurück, und rolle mich so gut es geht zusammen. Im ersten Licht des Tages halten wir mitten in der Einöde, und ukrainische Grenzbeamte betreten den Zug. Da wir auf gegenseitige Sprachbarrieren treffen, ist die Kontrolle schneller vorbei als erwartet, und die Soldatin klatscht mir einen Einreisestempel in den Pass. Damit war ich offiziell wieder in der Ukraine. Nach knapp 15 Stunden Zugfahrt erreiche ich endlich Kiew, und obwohl beide Städte Jahrzehnte lang Teil des sowjetischen Großreiches waren, lassen sich die beiden Orte kaum vergleichen. Zu lebendig ist Kiew, zu grau ist Chisinau.

Alles in allem war es dennoch ein interessanter Zwischenstopp und ich werde auf jedenfalls zurückkehre, denn immerhin habe ich es diese Mal nicht nach Transnistrien, die semi-autonome Republik am äußersten Rand Moldawiens geschafft. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.

 

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