Auf Armeniens Straßen

Wie schnell doch die Zeit vergeht, da ist es schon 2017 und mein Blog ist immer noch auf dem Stand von August 2016, wo es doch noch einige Reiseepisoden zu erzählen gäbe… Aber alles der Reihe nach. Wo war ich stehen geblieben?

Ach ja: Armenien, ich erinnere mich wieder.

Armenien wurde, verglichen mit seinem nördlichen Nachbarn Georgien, von Touristen weitestgehend noch nicht entdeckt. Dies gilt vor allem für die Regionen südlich der Hauptstadt Yerevan und selbstverständlich für Berg-Karabach. So sehr ich es auch genieße an Orte zu reisen, die in diversen Reiseforen oft als „off the beaten track“ bezeichnet werden, so sehr vermisse ich ab und zu doch den Komfort der touristischen Erschlossenheit. Vor allem im Bereich der öffentlichen Transportmittel, die sind nämlich in Armenien generell Mangelware.

Da ich in Berg-Karabach nicht nur in Stephanakert meine Zeit absitzen wollte, beschloss ich, mich auf dem Weg zum Gandzasar-Kloster zu machen. Das Problem: laut Fahrplan gibt es an einem Tag nur einen Bus hin und zurück. Diesen sollte man also besser nicht verpassen.

Zeitig in der Früh stehe ich also am Busbahnhof (der eher einem kleineren Autoparkplatz gleicht) und frage mich zum richtigen Bus durch. Überraschenderweise war dieser noch leer, und sollte es auch noch für eine ganze Weile bleiben, da Abfahrtspläne hier eher ungefähr zu lesen sind. Irgendwann dann steigen aber Leute ein und unter ihnen auch ein junger Ungar (wobei ich mich schäme, dass ich seinen Namen vergessen habe). Schnell stellt sich heraus dass er Deutsch spricht und in die selbe Richtung unterwegs war. Er erzählt mir allerhand von seiner Arbeit in Österreich und von seinen ausgedehnten Reisen durch Europa, die er überwiegend per Anhalter abgewickelt hat. Ich werde hellhörig, denn dieses Thema interessiert mich besonders. Das einzige mal das ich bisher per Anhalter gefahren bin waren weniger als 10km in Belize, doch das Konzept gefällt mir.

Wir fahren also los, besichtigen gemeinsam das Kloster und essen danach zu Mittag und stehen dann vor der Wahl ob wir lieber in diesem staubigen Dörfchen 4 Stunden auf den Bus warten , oder doch lieber ein Auto anhalten sollten. Ich bin sehr Stark für Option B und daher finden wir uns schon wenige Minuten später wartend am Straßenrand wieder, unsere Rucksäcke im Schatten einer baufälligen Hütte deponiert. Wir warten. Und warten. Doch wir warten vergeblich. Es ist heiß und niemand fährt Auto. Nach knapp 30 Minuten dann endlich jemand, und siehe da: Er hält sogar an! Ich wäge mich im Glück doch schon bald stellt dich heraus dass er uns nur bis zur nächsten Kreuzung mitnehmen kann, und so dauert meine zweite Autostopp-Erfahrung keine 5 Minuten, ehe das Warten wieder von vorne los geht. Nein, es gibt in Armenien nicht nur sehr wenig Busse, sondern kaum Fahrzeuge im Allgemeinen. Das dämpft meinen Optimismus gewaltig.

Kloster Gandzasar in Berg-Karabach

Kloster Gandzasar in Berg-Karabach

Nach 3 verschiedenen Autos schaffen wir es aber dann doch noch zurück in die Hauptstadt von Berg-Karabach und ich verabschiede mich von meinem neuen Freund, doch die Neugier am Hitch-hiken hat er mir dagelassen.

Als es dann 2 Tage später darum ging, Berg-Karabach zu verlassen, kam es mir in den Sinn, die gesamte Strecke bis nach Yerevan (inklusive Stops) lediglich per Anhalter zurückzulegen. Glücklicherweise fand ich eine andere Ungarin (was für ein reisefreudiges Volk in diesem Teil der Welt die Ungarn doch sind), die in dieselbe Richtung wollte, und ebenfalls von der Idee überzeugt war.

Gelobt sei der Herr: ein Auto!

Gelobt sei der Herr: ein Auto!

Die kommende Woche sollten wir also gemeinsam unseren Weg durch das verkehrsarme Süd-Armenien suchen, immer mit einem ausgestreckten Daumen und einem Lächeln auf den Lippen (obwohl und dies bei de Temperaturen oft schwer fiel). So fuhren wir bei einer Familie aus Berg-Karabach mit, die ihren Sommerurlaub damit verbrachte, Soldatendenkmäler in Armenien zu besuchen, da der Vater einst im Krieg war. Oder bei einer Gruppe Engländer, die, angeführt von einem armenischen Freund, sich einen SUV gemietet hatten, und das Land durchfuhren (deren Klimaanlage mich vermutlich noch glücklicher machte als die paar Euro, die ich mir durch die Fahrt erspart hatte). Weiters wurden wir noch von einer Gruppe überdrehter Jungs mitgenommen, bei denen ich ehrlicherweise zugeben muss, ein ungutes Gefühl gehabt zu haben. Diese Vorverurteilung musste ich aber dann schnell zurücknehmen, da mir einer von ihnen am Ende sogar nachgelaufen war, um mir mein Taschenmesser zurückzugeben, welches mir aus meiner Hosentasche gefallen war. Und dann gab es noch den LKW-Fahrer, der uns über den längsten Teil unserer Strecke mitgenommen hatte. Dieser hatte eine makellose Vollbremsung hingelegt, kurz nachdem er uns am Straßenrand gesehen hatte. Dass er dabei fast einen kleinen Melonen-Stand umgefahren hätte, schien ihn wenig zu interessieren.

 

Schiksal aller armenischen Autos

Schicksal aller armenischen Autos

 

Kloster Noravank bei Yeghegnadzor

Kloster Noravank bei Yeghegnadzor

 

19 lifts & 403km per Anhalter

19 lifts & 403km per Anhalter

Alles in allem habe ich in knapp 10 Tagen 19 Autos angehalten und habe somit 403km zurückgelegt. Den Plan, die gesamte Strecke von Stepanakert nach Yerevan per Anhalter zurückzulegen habe ich leider nicht geschafft, aber es war dennoch ein kleiner Erflog für mich. Nicht nur, dass ich mir die (sowieso niedrigen) Transportkosten gespart habe. Was noch viel, viel wichtiger war, war die Erfahrung, die ich gesammelt hatte. Obwohl ich absolut kein Russisch spreche, habe ich dennoch einen Einblick in die Armenier selbst bekommen. Wir haben uns unterhalten, ohne uns zu verstehen, und gelacht, obwohl niemand wusste warum, und dennoch hatten wir eine gute Zeit gemeinsam.

Alle, die uns mitgenommen hatten, bestätigten mir erneut die Gastfreundschaft der Armenier, denn es hat sich immer zumindest einer gefunden, der den armen Ausländern am Straßenrand helfen wollte. Und wenn sie schon nicht die ganze Strecke bis zu unserem Ziel durchgefahren sind, dann haben sie uns wenigstens bis zur nächsten Kreuzung oder zum nächsten Ort mitgenommen. Das nenne ich gelebte Menschlichkeit.

 

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