Berg Karabach – Suche nach Anerkennung

Man sagt ja oft, dass man sich bezüglich eines Ereignisses, welches schon länger zurückliegt, so fühlt als „wäre es gerade erst gestern passiert“. Dieses Gefühl hatte ich, als ich über die inoffizielle Grenze zwischen Armenien und der selbsterklärten Republik Berg-Karabach fuhr.

Es war das Wochenende um den 1. April herum, als ich Melanie (deren Weltreiseerlebnisse ihr hier finden könnt) in Berlin besuchte. Ich saß mit Christopher (der bereits einige Auftritte in meinen Erlebnisberichten hatte und auch in Zukunft wieder haben wird) in der U-Bahn und auf den kleinen Infomonitoren liefen die Nachrichten, als plötzlich die Eilmeldung hereinkam, dass der Grenzkonflikt zwischen Berg-Karabach und Aserbaidschan wieder aufgeflammt ist. Verdammt dachte ich mir, denn immerhin stand da mein Plan schon fest, im Sommer dorthin zu fahren.
In den kommenden Wochen verfolgte ich die Lage in diversen Medien, und es sah nicht gut aus. Dutzende Tote auf beiden Seiten. Armenien mischte sich in den Konflikt mit ein, indem es drohte, die Selbstständigkeit Berg-Karabachs offiziell anzuerkennen. Eine rote Linie für Aserbaidschan. Ein Krieg schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Doch dann intervenierten Russland, Deutschland und Frankreich und der Konflikt fror wieder ein. Damit hieß es für mich und meine Pläne „grünes Licht“! Man kann ja nie wissen, wie lang der Friede hält.

Warum aber eigentlich die ganze Aufregung um ein paar Berge? Nunja, Berg-Karabach war schon zu Sowjetzeiten überwiegend armenisch besiedelt, wurde aber von Stalin Aserbaidschan zugeschlagen. Nach 1991 wollten die christlichen Armenier in dem Gebiet nicht beim muslimischen Aserbaidschan bleiben. Es kam zum Krieg, welcher von Armenien unterstützt wurde. Das Ergebnis war, dass Berg-Karabach und noch einige weitere aserbaidschanische Gebiete von armenischen Streitkräften erobert wurden und bis heute besetzt werden. Kein einziges Mitglied der UNO hat Berg-Karabach als souveränen Staat anerkannt und somit bleibt es völkerrechtlich bis heute ein Teil Aserbaidschans.

Wie der Name es schon verrät, gibt es hier vor allem eins: Berge

Wie der Name es schon verrät, gibt es hier vor allem eins: Berge

Soweit zum Verständnis. Eine abtrünnige Provinz ohne jedwege politische Anerkennung? Klingt doch nach Abenteuer.

8h Busfahrt sind es von der armenischen Hauptstadt Yerewan nach Stepanakert, jedoch nur 330km, doch diese führen durch die armenischen Berge und der Bus pfeift aus dem letzten Loch. Endlich dort angekommen suche ich mein Hotel, welches, wie könnte es auch anders sein, am anderen Ende der Stadt liegt. Gut nur, dass das „andere Ende“ gerade einmal 15min zu Fuß entfernt ist. Dort angekommen öffnet niemand die Tür. Erst nach einer Weile passiert etwas. Eine Frau lässt mich hinein und erklärt mir, dass sie selbst nur Gast sei, und die Besitzer erst morgen Früh kommen würden (in den ganzen 3.5 Tagen sollte ich diese lediglich ein mal zu Gesicht bekommen). Auch gut.

Aber was macht man denn jetzt in einem Land, das ständig im Kriegszustand ist? Genau: Erstmal spazieren gehen. Auf den Straßen fällt einem natürlich sofort auf, dass überall Flaggen wehen, als Zeichen der Selbstständigkeit. Unterstützt wird das durch ein Banner vor dem Außenministerium mit den Worten

Es gibt keine Alternative zur Unabhängigkeit

25 Jahre Unabhängigkeit ohne Anerkennung

25 Jahre Unabhängigkeit ohne Anerkennung

Unweit von meinem Hostel befindet sich auch das Wahrzeichen der Region. Ein stilistisches Großelternpaar überblickt die Berge. Passend nennen die Leute es auch „Wir und unsere Berge“.

Das Wahrzeichen der Region

Das Wahrzeichen der Region

Ein Ausflug in das 10km entfernte Shoushi lohnt sich auf alle Fälle. Diese Stadt war strategisch bedeutend, liegt sie doch über der Hauptstadt Stepanakert. Von hier aus nahm das aserbaidschanische Militär die Stadt mit schwerer Artillerie unter Beschuss, bis die armenischen Streitkräfte in einer Nacht-und-Nebel Aktion zurückschlugen. Noch heute liegen weite Teile der Stadt in Ruinen, so auch die beiden Moscheen. Zwischen den zerstörten Gebäuden herumzuwandern fühlt sich bizarr an, so, als hätte sich hier in den letzten 25 Jahren nichts verändert. Doch die Leute haben sich damit angefunden und führen ihr Leben fort.

Die ehemalige Moschee

Die ehemalige Moschee

Sonntag ist Waschtag - Auch hier

Sonntag ist Waschtag – Auch hier

Ein großer Nachteil Berg-Karabachs ist auf jeden Fall der öffentliche Verkehr. Von der Hauptstadt aus mag man zwar noch (fast) überall hinkommen, aber zurück sieht es dann eher mau aus. Lösung des Problems: Trampen.
Zugegeben, ich war nie ein großer Fan davon, denn in der Regel ist der öffentliche Verkehr billig und zuverlässig, doch hier sah ich keine andere Möglichkeit. Vermutlich ist es auch Štephan aus Ungarn zuzuschreiben, dass ich den Rückweg in fremden Autos bestritten habe, denn er erzählte mir, dass er sich beinahe ausschließlich auf diese Art und Weise bewegt. Anfangs war ich skeptisch, ob die Leute hier mit dem Prinzip vertraut sind, Fremde ohne Bezahlung mitzunehmen, aber es hätte nicht einfacher sein können. Kaum länger als 10 Minuten haben wir gewartet, und schon hielt ein Auto für uns an. Jedoch fahren die Leute hier eher von Ort zu Ort, was für uns bedeutet: Umsteigen. Aber kaum 1h später sind wir wieder zurück in Stepanakert und ich bin eine Erfahrung reicher.

Die Autos die wir gestopt haben, fuhren immerhin noch

Die Autos die wir gestopt haben, fuhren immerhin noch

Nach knapp 3 Tagen verlasse ich Berg-Karabach wieder und ich bin froh, dort gewesen zu sein. Nein, es versinkt nicht im Krieg, so wie das vielleicht von einigen Medien vermittelt wird. Ja, auf den Straßen sieht man viel Militär, doch die meisten Soldaten verbringen ihre Freizeit in der Hauptstadt und es besteht kein Grund zur Sorge. Die Leute haben sich mit der schwierigen Situation abgefunden, die absolut keine Auswirkung auf ihre Gastfreundschaft hat. Im Gegenteil: Man wird immer Hilfe bekommen, wenn man sie braucht, egal ob man die selbe Sprache spricht, oder nicht. Die Leute haben gelernt, dass Zusammenhalt die beste Art ist, zu überleben.

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