Prypjat/Tschernobyl – Der lange Schatten einer strahlenden Zukunft

Schon lange geisterte mir diese Idee in meinem Kopf herum. Eine Reise nach Tschernobyl. Hin zu jenem Reaktor, welcher 1986 explodiert war, und der Welt zum ersten Mal vor Augen führte, dass auch die zivile Nutzung von Kernenergie gefährlich ist. Im Vorfeld hatte ich viel gelesen über den Reaktorunfall, den Versuch, die Radioaktivität einzudämmen, den Spätfolgen und den langsam aufkommenden Tourismus. „Katastrophentourismus“ las man an vielen Orten. In den User-Kommentaren zu den Beträgen, welche ich vor meiner Abreise studiert hatte, wurde klar, dass es viele gibt, die einer solchen Reise kritisch gegenüberstanden. Es sei doch immer noch verstrahlt, und jeder der an diesen Ort reise, müsse sich im klaren sein, früher oder später an den Spätfolgen zu sterben. Jedoch gab es dann auch jene, die mit wissenschaftlichen Argumenten dagegenhielten, und die Strahlung relativierten.

Ich vertraute eher der zweiten Gruppe, und machte mich auf die Suche nach einem Reiseveranstalter, welcher eine Tour in die Sperrzone anbietet. Im Grunde genommen sind es 2 Agenturen. Beide bieten beinahe dasselbe Programm zu beinahe ähnlichen Preisen an. Ich habe mich dann für „Tschernobyl-Tours“ entschieden. Man meldet sich online für die Tour an, die man machen möchte, gibt ein paar persönliche Daten an und bezahlt den Rest dann vor Ort in Euro, Dollar, Pfund oder Hrywnja. Alles ganz einfach.

Zu der Geschichte über den Unfall möchte ich an dieser Stelle nicht allzu viele Worte verlieren, da man sehr viel auch online findet, und ich mich hier eher auf die Tour selbst konzentrieren möchte.

Früh morgens trifft man sich dann mit der Reiseleiterin vor einem Minibus in der Nähe des Hauptbahnhofs. Eigentlich sind es 2 Minibusse: Einer für die russischsprachigen und einer für die englischsprachigen Reisenden. Überraschenderweise gab es mehr Interessierte, als ich es mir erwartet hätte. Ich war einer der letzten, also bezahlte ich schnell den Restbetrag und stieg ein. Insgesamt bezahlte ich ~100€ für die Tour (inkl. Transport, Tourguide, Essen, Versicherung und Zutrittsberechtigung). Ein guter Preis, denke ich. Ein paar Euro wurden mir noch abgezogen, da ich Student bin.

Unser Tourguide war eine junge Frau aus Kiew, welche mit Akzent aber fehlerfrei Englisch sprach. Sie teilte eine Übersichtskarte von der Sperrzone aus, und erklärte und, dass Prypjat etwa 120km nördlich von Kiew liege. Außerdem erzählte sie uns, dass wir 2 Checkpoints passieren würden. Den ersten an der 30km Außenzone. Den zweiten dann an der 10km Kernzone. Zuerst würden wir in die Außenzone fahren, um dort eine der letzten noch in der Sperrzone lebenden Menschen zu besuchen. dann ginge es Richtung Prypjat und zum Reaktor. Die Tour würde dann mit einem Rundgang durch die Geisterstadt und anschließendem Essen in der Kantine an der 30km Grenze enden. Bevor wir losfuhren bekam noch jeder von uns einen Geigerzähler, welcher die Umgebungsstrahlung messen sollte und, falls die Strahlung zu stark werden sollte, ein Piepsen von sich geben würde. Außerdem maß er die Gesamtdosis, welche wir über den ganzen Tag aufnehmen würde. Dieser Wert ließ sich dann am Ende auswerten und vergleichen.

Strahlung direkt am Reaktor - gar nicht so hoch, oder?

Strahlung direkt am Reaktor – gar nicht so hoch, oder?

Auf der Fahrt zur Sperrzone zeigte man uns eine BBC Dokumentation über das Unglück, welche auch Interviews mit dem damaligen Präsidenten der Sowjetunion Michail Gorbatschow beinhaltete. Der Film erklärte, dass die Menschen nicht sofort nach der Explosion evakuiert wurden, sondern die Regierung in Moskau zuerst versuchte, den Vorfall zu vertuschen. Erst als ein Forscher in Schweden erhöhte Strahlungswerte maß, und Moskau informierte, handelten die Russen, und evakuierten 50.000 Einwohner binnen weniger Stunden. Den Menschen wurde gesagt, dass sie schon bald wieder in ihre Heime zurückkehren würden, und daher nur leichtes Gepäck mitnehmen sollten. Selbst 29 Jahre später sollte keiner von ihnen je wieder in seine alte Wohnung zurückkehren. All ihr Hab und Gut fiel den Plünderern zum Opfer, welche später durch die Stadt streiften. Doch die späte Evakuierung hatte verheerende Auswirkungen: Die Bewohner waren der Strahlung viel länger ausgesetzt, als sie hätten dürfen, und nahmen viel zu viel Radioaktivität auf. Iod-Tabletten wurden nicht ausgegeben, und selbst die Atemschutzmasken, welche verpflichtend in jeder Schule aufbewahrt werden mussten, wurden nicht verteilt. Und das alles nur, um eine Massenpanik zu verhindern.

Mit diesem Wissen und mit einer gewissen Schwere, die dieses Video in unseren Köpfen verursacht hatte, erreichten wir den ersten Checkpoint. Jeder musste aussteigen und seinen Pass vorweisen. Fotografieren war strengstens verboten. In Anbetracht der grimmigen Mienen der Wächter zog das auch keiner ernsthaft in Betrachtung. Hatte man die Passkontrolle überstanden, stieg man wieder in den Minibus und es ging tiefer in die Sperrzone.

Unsere Reiseleiterin erklärte uns, dass die Straßen von und zum Reaktor nach dem Unglück neu gebaut wurden, um eine schnelle Versorgung zu gewährleisten, im Falle einer weiteren Katastrophe. Gespannt blickte jeder auf seinen Geigerzähler, welcher jedoch nur gering höhere Werte anzeigte, als noch in Kiew.

Unser erster Stop ist eine riesige Abhöranlage der Sowjets, die sie im Wald versteckt haben. Wobei „versteckt“ wohl das falsche Wort ist. Es handelt sich dabei um eine 800m lange und beinahe 100m Hohe Stahlkonstruktion, mit der man Raketenstarts in einem Umkreis von 10.000km wahrnehmen konnte. Jedoch war diese Anlage viel zu groß, um sie nicht zu sehen, weshalb die Russen sie als Radiostation tarnten. 3 solcher Anlagen gab es zur Zeit der Sowjetunion. 2 Gegen Europa/USA und 1 gegen China gerichtet. Heute will die ukrainische Regierung die Anlage verkaufen und einschmelzen lassen. Die Staatskassa ist leer und man sucht verzweifelt nach Geldquellen. Wir fahren weiter.

Damals unentbehrlich, heute rostet die Anlage nur mehr vor sich hin

Damals unentbehrlich, heute rostet die Anlage nur mehr vor sich hin

Der Bus hielt am Rade der Straße, und wir stiegen aus. Was einem auffiel war die Ruhe. Kein Verkehr. Wir wurden noch einmal daran erinnert, außerhalb des Busses nicht zu essen oder zu trinken, oder Pflanzen zu berühren, dann gingen wir los. Unser Ziel war eine kleine Hütte am Rande der Sperrzone, in der eine alte Frau lebt, welche sich bis heute weigert, auszuziehen. Es geht durch die Ruinen eines kleinen Ortes, vorbei an verfallenen Häusern und überwucherten Mauern. Am Ende des Weges stand es dann, ihr kleines Haus. 2 Hunde liefen und begrüßend entgegen. Die Frau die hier lebt, ist weit über 80 Jahre alt, und versorgt sich überwiegend selbst. Sie pflanzt ihr eigenes Gemüse und hat auch einen kleinen Brunnen. Vor der Strahlung fürchte sie sich nicht, immerhin lebt sie schon mit ihr seit über 30 Jahren. Viele aus unserer Gruppe machen Fotos von ihr. Ich fühle mich unwohl. Diese Frau will vermutlich nur ihre Ruhe haben, und wir belagern sie wie ein Tier im Zoo.

Mit dem Bus geht es dann tiefer hinein in die Sperrzone, Richtung Tschernobyl-Town. Diese Siedlung wurde erst nach dem Unfall angelegt, um den in der Sperrzone arbeitenden Männern eine Unterkunft und eine Möglichkeit zum Einkaufen zu bieten. Zwar wurde das Gebiet evakuiert, doch kehrten einige Arbeiter schon bald zurück, um die Radioaktivität einzudämmen. Heute sind sie hier, um einen riesigen neuen Sarkophag anzufertigen, der die nächsten 100 Jahre halten soll.

Am 10km-Checkpoint dann wieder dasselbe Prozedere. Aussteigen. Pass kontrollieren. Grimmig angesehen werden. Wieder einsteigen. Weiterfahren. Wir fahren vorbei an einem vor sich hinrostenden Hafen und einem halb fertiggestellten Kühlreaktor. An einer Eisenbahnbrücke in Sichtweite des Reaktors bleiben wir stehen. Hier leben riesige Welse, welche aber nicht durch die Radioaktivität zu ihrer Größe gekommen sind. Wir füttern sie mit Brot und gehen dann zum Highlight unserer Reise: Jenem Reaktor, welcher 1986 die Welt verändern sollte.

Der Geigerzähler knackst, und wir sehen, dass sie Radioaktivität stark ansteigt. Stark, aber noch nicht zu stark. Wir sehen, dass der neue Sarkophag beinahe fertiggestellt ist, und dass reger Betrieb am Reaktor herrscht. Wir bleiben etwa 10 Minuten und fahren dann weiter. Zu lange möchte hier niemand stehen.

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Wieder im Bus machen wir eine kleine Pause, bevor es nach Prypjat selbst geht. Prypjat war eine lebendige Stadt, die 1979 gegründet wurde, als der Reaktor gebaut wurde.

Wir machen uns zu Fuß auf, durch die Stadt zu wandern vorbei an verfallenen Häusern, zerbrochenen Fenstern und überwachsenen Straßen. Die Zeit hier scheint stehengeblieben zu sein. Von vielen Hausmauern beobachtet uns Lenin, welcher langsam abzublättern beginnt. Hammer und Sichel weisen uns den Weg. Wir sehen Schulen, Kindergärten und Schwimmbäder. Alles dem Verfall preisgegeben. Die Russen hatten Ende der 80er noch versucht, die Radioaktivität zu beseitigen, doch dies sollte ihnen nicht gelingen. Leise knackt der Geigerzähler in meiner Tasche. Es ist schon zur Gewohnheit geworden.

Zwar ein gesetelltes Foto, aber dennoch symptomatisch

Zwar ein gesetelltes Foto, aber dennoch symptomatisch

Das große Highlight dann: Der Kinderspielplatz mit dem Riesenrad, welcher 1986 eröffnet werden sollte. 2 Wochen zuvor explodierte der Reaktor, und kein Kind sollte jemals hier spielen dürfen. Ein Mahnmal, wie dicht Freude und Tod doch beieinander liegen. Hier machen wir Halt, denn jeder möchte Fotos von diesem Ort machen, den man schon so oft gesehen hat. Die Strahlung lässt dies auch zu. Weiter geht es Richtung Innenstadt. Seit 2008 ist es verboten, Gebäude innerhalb der Sperrzone zu betreten, doch unser Guide sagt, dass ginge schon in Ordnung, also besichtigen wir ein Wohnhaus mit 11 Stockwerken. Stock um Stock geht es nach oben, vorbei an zerstörten Wohnungstüren und geplünderten Räumen. Selbst das Eisen der Handläufe wurde gestohlen. Alles war knapp in der Sowjetunion.

Am Dach angekommen bietet sich uns ein beeindruckender Ausblick. Von hier aus kann man die Abhörstation sehen, wie sie hoch aus dem Wald ragt. In der Ferne erblickt man auch den Reaktor und den glänzenden neuen Sarkophag, welcher sich schon bald um die Reaktorruine legen wird. Und Prypjat selbst. Überall stehen Bäume und Büsche wo einst Straßen und Plätze waren. Nur die Wohnblocks ragen aus diesem Meer aus Grün. Wir bleiben einige Zeit und genießen diesen Ort inmitten des Verfalls. Doch auch dieser Augenblick endet irgendwann, also gehen wir wieder zurück zum Bus und fahren Richtung Tschernobyl-Town, wo wir in einer Kantine mit den Arbeitern Abendessen. Dort wird auch unser Geigerzähler ausgewertet. Ergebnis: Wir haben an einem Tag in Tschernobyl weniger Radioaktivität aufgenommen, als bei einem Transatlantikflug von Wien nach New York.

Die Natur trotzt der Strahlung und holt sich zurück, was ihr gehört

Die Natur trotzt der Strahlung und holt sich zurück, was ihr gehört

Es war ein langer Tag, und kaum jemand aus unserer Gruppe übersteht die Rückfahrt, ohne einzuschlafen. Niemand spricht. Zu tief sitzen noch die Eindrücke des heutigen Tages. Zu viele Dinge gibt es nun, über die man erst einmal nachdenken muss. Wohin führt uns unser Fortschritt? Und kann es überhaupt jemals „sicher“ sein? Tschernobyl wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet, und diese Reise wird mich noch länger beschäftigen.

 

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