Kiew – Gefangen zwischen Ost und West

Geografisch gesehen liegt Kiew genauso weit von Wien entfernt wie Paris, dennoch kenne ich niemanden, der schon einmal dort gewesen ist. Die Ukraine gilt generell als weißer Fleck auf der Reiselandkarte Europas. Zwar ist sie nach Russland das zweitgrößte Land Europas, doch setzt kaum jemand Fuß in dieses Land, welches vermutlich die wenigen Touristen, die sie besucht haben, dadurch abgeschreckt hat, dass im Osten ein blutiger Bürgerkrieg tobt.

Ja, die Ukraine ist tief gespalten. Die Krim hat sich abgespalten, und der gesamte Osten steht davor, es ihr gleich zu tun. Jedoch ist die Lage nicht im ganzen Land gleich. Kiew und vor allem die Gebiete im Osten sind politisch so ruhig wie die Nachbarländer Polen, Ungarn und Rumänien. Als vor 2 Jahren über eine halbe Million Ukrainer auf die Straße gingen, und damit den Stein ins rollen brachten, sah dies noch ganz anders aus.

Noch heute sind die Spuren der Proteste am Maidan, dem größten Platz und Zentrum Kiews, deutlich sichtbar. An vielen Orten wurden Pflastersteine aus dem Boden gebrochen, um sich damit gegen Polizei und Militär zur Wehr setzen zu können. An manchen stellen gleicht der Boden einem Mosaik aus Pflastersteinen verschiedenster Farben. Am Rande des Platzes ist eines der Gebäude immer noch verhüllt. Man sagt, dass die Brandspuren noch nicht beseitigt wurden. Neben der Siegessäule, die in der Mitte des Platzes gen Himmel ragt, halten einige Wenige immer noch den Platz besetzt. Friedlich. Mit Zelten und Gaskochern. Und den Flaggen aller ukrainischen Provinzen um sich herum verteilt; auch jener im Osten und vor allem jener der Krim. An der Siegessäule selbst sind hunderte Fotos eines ukrainischen Künstlers aufgemacht, der während der Proteste sein Leben verloren hat. Am Rande des Maidans gibt es eine Treppe, die zu einer Glasbrücke führt, die sich über eine der Zufahrtsstraßen spannt. Von dort aus überblickt man den ganzen Platz. Erst wenn man genauer hinsieht erkennt man die Umrisse des ukrainischen Staatsgebiets in Blau und Geld (den Nationalfarben) auf den Boden des Platzes gezeichnet. Die Botschaft ist klar: „Seht her, das ist die Ukraine. Mit der Krim und den Provinzen im Osten.“

Die Ukraine ist nicht gespalten - zumindest nicht in den Köpfen der Kiewer BEvölkerung

Die Ukraine ist nicht gespalten – zumindest nicht in den Köpfen der Kiewer Bevölkerung

Auch an anderen Orten ist der Hass gegen Russland und Putin spürbar. Zwar streben die Menschen Richtung EU, doch kommen sie nicht von Ihrer gemeinsamen Geschichte Russlands los. Die junge Generation stellt sich klar gegen Putin. Fast überall lassen sich anti-russische T-Shirts kaufen. Eines der beliebtesten Souvenirs: Eine Rolle Toilettenpapier mit dem Bild Putins darauf.

Ich gebe zu, dass sich Kiew westlicher präsentiert, als ich es erwartet hatte. Die Hauptstraße zum Maidan kann es durchaus mit der Ringstraße in Wien aufnehmen. Es gibt die üblichen Geschäfte. Lediglich die Straßenschilder sind beinahe ausschließlich in kyrillisch beschrieben, und dass, obwohl Kiew Austragungsort der EURO 2012 war.

Doch was hat Kiew zu bieten, außer einem gewissen post-sowjetischen Flair, ohne überall Hammer und Sichel zur Schau zu stellen? Kiew ist eine moderne Stadt. Zumindest bis man den Dnepr überquert. Dahinter findet sich Tristesse in Beton; sowjetische Plattenbauten´. Überall. Vor allem hat Kiew aber eins: Kirschen und Klöster. Der orthodoxe Einfluss ist überall ersichtlich. Goldene Zwiebeltürme erheben sich über den gewaltigen Gebäuden der Innenstadt. Innerhalb der Klostermauern herrscht Ruhe, als würde es die Millionenstadt vor ihren Toren gar nicht geben. Kiew blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Als Spielball der Großmächte gehörte es im Laufe ihrer Geschichte den verschiedensten Völkergruppen an. Doch am meisten geprägt wurde die Stadt von den Sowjets.

Wer Klöster mag, kommt hier sicher auf seine Kosten

Wer Klöster mag, kommt hier sicher auf seine Kosten

Kiew ist gespalten in ein West und Ost. Zwischen EU und Russland. Zwischen Zukunft und Vergangenheit. Einst Teil einer Supermacht sucht sie knapp 25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion immer noch nach einer Identität. Zwar will man heraus aus der Machtsphäre Moskaus, doch die Annäherung an die EU gestaltet sich ebenfalls als schwierig. Doch solange der Konflikt im Osten ungeklärt ist, wird dieses Land seinen Weg alleine bestreiten müssen. Die Zukunft wird es weisen, wohin dieses riesige Land steuert.

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