San Pedro Sula – Entgegen aller Vorurteile

Honduras! Jenes Land in Zentralamerika mit dem schlechtesten Ruf. Wieso? Nunja, einer Statistik der Vereinten Nationen zu Folge ist die Kriminalität in diesem Land hoch. Sehr hoch. Und seit 3 Jahren führt Honduras eine ganz besondere Statistik an: Honduras ist das Land mit der höchsten Mordrate der Welt. Ich denke, um Honduras verstehen zu können, sollte man die Statistik kennen, daher ein paar Zahlen: Honduras hat etwa die selbe Einwohnerzahl wie Österreich. Nimmt man die Zahlen von 2012 als Grundlage, dann kamen in Österreich in diesem Jahr 77 Menschen gewaltsam ums Leben. Im selben Jahr waren es in Honduras 7.172.

Dem nicht genug. In Honduras liegt auch die Stadt mit der höchsten Tötungsrate außerhalb eines Kriegsgebiets: San Pedro Sula. Nimmt man 100.000 Einwohner dieser Stadt als Ausgangspunkt, dann kamen davon 187 Menschen durch ein Gewaltdelikt ums Leben. In Wien wäre lediglich 1 Person betroffen.

Die Zahlen mögen abschreckend sein und bei einigen vielleicht die Frage aufkommen lassen, wieso man denn dann überhaupt einen Fuß in dieses Land setzen sollte. Die Antwort mag simpler sein als gedacht: Um zu sehen, ob Honduras tatsächlich so ist, wie einige sagen.

Auch ich kannte diese Statistik im Vorfeld und hatte nie daran gedacht, auch nur länger als nötig in dieser Stadt zu bleiben. Aber Reisen wäre nicht Reisen, wenn man Pläne nicht über den Haufen werfen müsste, weil etwas dazwischen gekommen ist. In diesem Fall war es so, dass ich die Fähre von Puerto Cortés aus nach Belize nehmen wollte. Problem: Ich hatte zuvor jemanden von Couchsurfing kontaktiert, der mir aber abgesagt hatte. Blöd. Noch blöder war dann die Erkenntnis, dass es in Puerto Cortés keine brauchbaren Unterkünfte gibt. Plan B: Jemanden via Couchsurfing finden, dieses mal aber in San Pedro Sula, eine Stadt, die etwa 1h von Puerto Cortés entfernt liegt.

Es gab sogar 2 Personen, die Couchsurfing ziemlich aktiv zu betreiben schienen, also schrieb ich einen von beiden an. Dieser akzeptierte meine Anfrage kurz darauf, und damit war es klar: Ich würde 2 Nächte in dieser „ach so gefährlichen“ Stadt bleiben. Mein Host hieß Davíd, ist 29 Jahre alt, professionellere Photograph und lebt in seiner eigenen Wohnung im obersten Stock seines Elternhauses.

Im Vorfeld hatte er mir bereits mitgeteilt, dass er jedoch am Samstag Abend zu einer Hochzeit müsse, um dort zu arbeiten. Daher ließ er mir 2 Optionen: Ich könnte entweder bei ihm in der Wohnung bleiben, oder er könne mir auch Sachen borgen, um ihn zu begleiten. Eine wirklich schwere Entscheidung war das nicht. Ich nahm sein Angebot an, und borgte mir Schuhe, eine Hose, Hemd und eine Kamera und begleitete ihn als sein „persönlicher Assisstent“. Davíd erzählte mir, dass das nicht das erste mal sei, dass ihn ein Couchsurfer zur Arbeit begleite. Ich solle mich nur als sein Assisstent vorstellen, falls jemand fragen sollte.

Auf der Hochzeit gab es dann ein paar Erklärungen was ich denn wie am besten machen sollte, um am Ende wenigstens mit ein paar brauchbaren Fotos dazustehen. Im Prinzip war alles einfach: Ich sollte zumindest ein wenig beschäftigt wirken, und mein Augenmerk darauf richten, Emotionen einzufangen. Um alles andere würde er sich schon kümmern. Klingt ja nicht so schwierig.

Es war eine mittelgroße Hochzeit am Meer, die aber drohte, komplett aus dem Zeitplan zu fallen. Die Zeremonie sollte so zu Ende gehen, dass das Brautpaar noch schöne Fotos vor dem Sonnenuntergang machen konnte. Doch um 16:45 hatte die Hochzeit immer noch nicht begonnen, und die Sonne geht sehr früh unter über Honduras. Davíd und ich störten uns nicht allzusehr daran, und warteten erstmal ab.

Davíd meinte, dass er im Vorfeld immer jene Klausel in seinen Arbeitsvertrag aufnehme, die besagt, dass er und sein Assisstent so zu behandeln sind, wie geladene Gäste. Kurzum: Essen und Getränke gratis für uns. Damit kann ich Leben.
Am Ende war dann doch alles gut, das Brautpaar bekam seine Sonnenuntergangsfotos und Davíd und ich ausreichend Essen.

Nach ca. 6h meinte Davíd dann, dass er genug Fotos habe, und wir heimfahren könnten. Schnell steckten sich jeder von uns noch 2 Bier für daheim ein, und wir machten uns auf den Rückweg. Als wir die Stadtgrenze von San Pedro Sula erreichten, war mein Interesse dann doch zu groß, und ich fragte Davíd nach der Kriminalität. Er meinte, dass jeder diese Frage früher oder später stellen würde, doch er lebe seit 29 Jahren in dieser Stadt und habe noch nie eine Gang gesehen, noch einen Schuss gehört. Dann begann er mir zu erklären, wie es zu der Statistik kommt: San Pedro Sula hat die besten Krankenhäuser im Westen des Landes. In den Dörfern darum gibt es kaum ausreichend medizinische Versorgung. Das sind aber jene Orte, in denen es oft zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Banden, der Polizei und dem Militär kommt. Wird also jemand im Umkreis von 4 Stunden verletzt, wird er automatisch nach San Pedro Sula gebracht. Da viele Verletzungen durch automatische Waffen verursacht werden, haben viele Opfer kaum Überlebenschancen. Verstirbt das Opfer daher im Krankenhaus, wird er als Toter in der Statistik von San Pedro Sula geführt, anstatt in jener des Ortes, wo das Verbrechen verübt wurde. Dass die Kriminalität jedoch generell hoch sei in Honduras stimmt schon. Das könne er nicht leugnen.
Wir halten an einer roten Ampel. Davíd zeigt nach links und meint, dass er mir 100% garantieren könne, überfallen zu werden, wenn ich nur lang genug in diesem Viertel herumgehen würde. Ich bedanke mich für das nette Angebot, aber lehne dann doch ab. 

Am Montag Morgen verlasse ich Davíds‘ Wohnung und damit San Pedro Sula in Richtung Belize. Was mir der kurze Aufenthalt in der „Mordhauptstadt der Welt“ (Nein, den Namen habe nicht ich sondern eine deutschsprachige Tageszeitung erfunden) gezeigt hat, ist, dass es wahrlich sicherere Orte auf der Welt gibt, aber das nicht bedeutet, dass Honduras deshalb ein gesetzloser Ort ist, an dem Banden durch die Straßen ziehen, und alles plündern und über den Haufen schießen. Abgesehen von der Statistik hat San Pedro Sula wenig zu bieten, daher bin jch froh, Davíd getroffen zu haben, der meinen Aufenthalt sicher und spannend gemacht hat.

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