Tajumulco – Den Sternen ein Stück näher

Dass es in Guatemala Vulkane gibt, war mir durchaus bewusst. Dass man sie auch besteigen kann ebenfalls. Jedoch fand ich keine brauchbare Organisation, die qualitativ hochwertige, zeitgleich aber leistbare Touren anbot. Irgendwann habe ich dann herausgefunden, dass der höchste Berg Zentralamerikas in Guatemala liegt. Ab da war mir klar, dass ich auf dessen Gipfel musste, egal wie anstrengend es wird.

In Xela (oder Quetzaltenango, für alle, die die Langform lieber haben), bin ich dann fündig geworden: Eigentlich wollte ich mir via Couchsurfing einen Ort zum Bleiben suchen, doch derjenige, den ich mir rausgesucht hatte, liegt derzeit leider im Spital und konnte mich daher nicht hosten. Als „Entschuldigung“ bekam ich eine ganze Liste von Dingen, die man in Xela sehen und machen kann (das änderte aber auch nichts daran, dass ich die Stadt langweilig fand). Jedoch bekam ich den Tipp, meine Wanderung zum Tajumulco mit „Quetzaltrekkers“ zu machen. Wie wertvoll der Tipp war, bemerkte ich recht schnell: „Quetzaltrekkers“ ist eine Non-Profit Organisation, deren Erlös in örtliche Schulen geht. Die Touren werden von freiwilligen Ausländern geleitet, die mindestens 3 Monate für das Projekt arbeiten. Für die 500Q, die man bezahlt, bekommt man Guides, Essen, Trinken und fehlende Ausrüstung sowie Transport gratis.

Am Vorabend trafen wir uns dann für ein kurzes Meeting, um den Ablauf der kommenden 2 Tage zu regeln. Jeder bekam einige Ausrüstungsgegenstände, die er auf den Berg mitnehmen musste. Für das Wohl der Gruppe. Ich bekam ein 4-Mann Zelt und Zwiebeln. Hätte schlimmer kommen können. Die Gewürze sind nämlich der „Schwarze Peter“ unter den Ausrüstungsgegenständen, habe ich mir sagen lassen.

Am nächsten Tag dann: Treffpunkt 04:45. Unsere Gruppe war riesig: 20 Leute. Aus diessm Grund waren wir auch mit 3 Guides unterwegs: Ben und Austin aus den USA und als Zusatz noch Henry aus Guatemala. Highlight bis dahin: Wir bekamen einen privaten Minibus, und mussten nicht mit einem der lokalen Busse fahren – Eindeutig ein Gewinn!

Ein Blick auf das Ziel

Ein Blick auf das Ziel

Nach 2.5h Fahrt und Frühstück begannen wir dann den Aufstieg von knapp 3000m aus. Schnell verlor sich der Haufen und ich fand mich mit Austin alleine an der Spitze unserer Gruppe wieder. Eigentlich war es komplett sinnlos, das Tempo von Austin zu halten, der anscheinend auf seinem letzten Trek zum Gipfel unbedingt einen neuen Rekord aufstelle wollte. Aber irgendwie hielt ich Schritt mit ihm und so rückten wir Schritt um Schritt dem Gipfel näher. Wie weit wir eigentlich vor allen anderen waren, merkten wir erst, als wir Pause machten. Erst 15 Minuten nachdem wir schon angehalten hatten, schafften es auch die ersten aus dem zweiten Teil unserer Gruppe. Als dann auch die letzten nachgekommen waren, war bereits fast 1h vergangen. Vermutlich war ich ein schrecklicher Begleiter für Austin, denn während er die Steigung mit Leichtigkeit zu überwinden schien, musste ich mich darauf konzentrieren, Schritt zu halten. Von einem sinnvollen Gespräch erst ganz zu schweigen. Immer weiter atmen, das ist der Trick.

Erst in den Pausen konnte ich ein bisschen mehr über das Tun der „Quetzaltrekkers“ erfahren, von ihrer Arbeit für und mit den Kindern, und dass, obwohl man freiwillig dort ist, kein Wochenende hat. Das heißt: 3 Monate lang 7 Tage die Woche. Oft auch mit 2-3 Wanderungen in der Woche. Austin, der Mathematik in Miami studiert, meint aber, dass er nicht zufriedener sein könnte. Auch wenn es anstrengend klingen mag, glaube ich ihm das sofort.

Kurze Pause mit großartigem Ausblick

Kurze Pause mit großartigem Ausblick

Gegen 16:00 Uhr dann endlich: Das Basislager auf 4000m. Zelte werden aufgeschlagen, und mehrere Kleidungsschichten angezogen, denn Nebel zog auf, und die Temperaturen fielen ins Bodenlose. Mit einem T-Shirt, 2 Pullovern einer Regenjacke (deren Zipp nicht funktioniert hat), 2 Paar Socken und Handschuhen sowie 2 Kaputzen sitze ich neben Bianca (aus Deutschland) und Irene (aus Österreich), und futtere Gemüse, Bohnenbrei und jede Menge Tortillas. Außer Essen und Reden lässt sich nicht viel im Basislager machen. Der Nebel hat die Sicht auf wenige Meter verringert. Der Gipfel ist wie hinter einer grauen Wand verschwunden. Am anderen Ende versucht eine der Belgierinnen ein Lagerfeuer zu machen. Dass das mit dem feuchten Holz nicht funktionieren wird, will sie nicht wahr haben. Also sitzen wir vor einer kleinen Flamme, die aufgrund der grünen Äste so viel Rauch erzeugt, dass es niemand lange davor aushält. Irgendwann dann gibt es Abendessen. Nudeln mit Tomatensauce, dazu wieder Gemüse und Tortillas. Vor dem Schlafengehen dann noch Tee und Kakao. Beides ist nach wenigem Augenblicken leer.

Es wurde eine lange, und kalte Nacht. Trotz Zelt, Schlafsack, 4 Schichten Kleidung und 4 Personen im Zelt sollte mir in dieser Nacht nie wirklich warm werden. Einziger Lichtblick: Niemand würde ins Zelt stürmen, und „Alarm!“ rufen. Nein, ich vermisse das Bundesheer wirklich nicht, aber ich schweife ab.

Um 03:30 Uhr sind wir wieder auf den Beinen. Es ist stockdunkel. Die Temperaturen liegen irgendwo um die 5 Grad. Wir packen unseren Schlafsack und Matte, und machen uns auf den Weg, die letzten 220m zu bezwingen. Von Wandern war keine Rede mehr. Der eigentliche Vulkankegel ist viel steiler als der bisherige Weg. Eine einstündige Kletterpartie beginnt. Im Schein unserer Stirnlampen kann man den Gipfel erahnen. Schwarz, und beinahe unerreichbar scheint er über unseren Köpfen zu thronen.
Die letzten Meter. Der Boden ist sandig. Man macht zwei Schritte vorwärts, und rutscht einen wieder zurück. Ich atme schwer. Ob es die Höhe oder nur die Anstrengung ist, weiß ich nicht. Dann endlich: Der Kraterrand. Wir haben es geschafft. Am Fuß des Vulkans sieht man die Lichter kleiner Dörfer. Der Mond ist sichelförmig, und erhellt den Gipfel. Wir breiten unsere Matten aus, und kriechen so weit wie möglich in unsere Schlafsäcke, denn der Wind pfeift uns um die Ohren. Die Temperaturen liegen nur knapp über dem Gefrierpunkt. Eine halbe Stunde dauert es, bis die Sonne über Guatemala aufzugehen beginnt. Schnell ist die Kälte vergessen, und Kameras werden gezückt. Nach einiger Zeit spüre ich meine Finger nicht mehr, aber das ist es wert. 4220 Meter über dem Meer, auf Zentralamerikas höchstem Vulkan scheint man dem Himmel tatsächlich ein Stück näher zu sein.

Selbst mit dem Schlafsack ist es immer noch eiskalt

Selbst mit dem Schlafsack ist es immer noch eiskalt

2 Stunden sind wir auf dem Gipfel, dann der Abstieg ins Basislager. Frühstück. Ich sichere mir 2 Tassen Kakao, und lasse das Essen aus. Zelte werden abgebaut, Sachen gepackt, Wasserflaschen ausgetrunken – Immerhin will man möglichst wenig Gewicht nach unten schleppen. Der Abstieg war vermutlich weniger intensiv als der Aufstieg, aber schon bald spürte ich die Anstrengung auf Muskeln und Gelenke. Hilft alles nichts, außer weitergehen.

Dieses Mal sind wir zu 5. in der ersten Gruppe. Mitten im Gelände (einen „Weg“ gab es schon länger nicht mehr) hält Austin plötzlich an, und wirkt skeptisch. „Ich denke, wir sind falsch“ war alles, was er gesagt hat, bevor er ein paar Schritte zurück macht, und in den Sträuchern verschwindet. Wir warten. Was sollen wir auch anderes tun. Nach einiger Zeit kommt er zurück und meint, dass wir ein bisschen zurück müssten, denn wir seien falsch abgebogen. Zurück bedeutet: Wieder den Hang hinauf. Hinauf! Ich war froh endlich bergab zu gehen, aber nein: Wieder aufwärts. Irgendwamm dann schließen wir zu, Rest der Gruppe auf. Austin entschuldigt sich zwar brav für seine Fehlentscheidung, aber ich denke nichf, dass das notwendig gewesen wäre. Niemand trug ihm das nach.

Gegen Mittag dann waren wir wieder im Tal. Auf der Rückfahrt hielt niemand lange die Augen offen. Ja, es war anstrengend. Ja, es war kalt. Und Ja, wir haben alle kaum geschlafen. War es das also wert? Ja, jede Sekunde.

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