Tikal – Versunkenes Großreich

Die Fahrt von San Cristobal nach Palenque verlief dann soweit reibungslos. Wir trafen auf keine weiteren Straßensperren und waren sogar noch etwas früher am Ziel, als uns gesagt wurde. Uns, das bedeutet Steard, Mercedes, Clancy und ich. Die ersten beiden hatte ich bereits in Oaxaca getroffen, letzteren dann in San Cristobal, und da wir sowieso alle in die selbe Richtung wollten, war es naheliegend dass wir uns zusammentaten.

Aber eigentlich will ich hier gar nicht über Palenque schreiben, wo es zwar großartige Maya-Ruinen gibt, aber sonst nichts aufregendes passiert ist. Unsere Wege trennten sich, denn mein Ziel war Guatemala. Auch wenn die Strecke Palenque (Mexiko) nach Flores (Guatemala) abenteuerlich klingen mag, war sie das ganz und gar nicht. Ich habe mich für den Grenzübergang zwischen Frontera Corozal und Bethel entschieden. Man nimmt einfach einen Minibus von Palenque nach Frontera Corozal, und sucht sich dort ein Boot, denn zwischen Mexiko und Guatemala verläuft ein Fluss, welcher die beiden Staaten von einander trennt. Im Bus traf ich zum Glück auf Joseph (oder José – je nachdem) aus Chennai, Indien. Zum Glück deshalb, weil ich mir dadurch die Kosten für das nicht ganz so günstige Boot teilen konnte. Joseph, der mittlerweile in den USA lebt, war aber nicht nur deshalb hilfreich, weil er meine Kosten reduzierte, sondern auch weil sein Spanisch deutlich besser ist als meins, und wir so leichter voran kamen.

Zu Fuß ging es dann die 2 Kilometer zum Immigration-Office, denn unsere Pässe mussten noch gestempelt werden. Etwas merkwürdig, dass das Büro so weit weg war, denn immerhin bedeutet das, dass wir uns über eine Stundd ohne Visa – und damit eigentlich illegal – im Land aufhielten. Nachdem die Formalitäten geregelt waren, und ich ein kostenloses Visum für 90 Tage erhalten hatte, ging es dann mit einem Bus nach Flores. Die Fahrt dauert etwa 4 Stunden, wobei die ersten 1.5 Stunden auf unbefestigter, mit Schlaglöchern übersähten Straße zurückgelegt werden. Und während ich durchgerüttelt wurde, wundere ich mich nach wie vor über die Fähigkeit der Inder, immer und überall schlafen zu können. Während Joseph also vor sich hin träumte, blickte ich aus dem Fenster, und sah, wie die Welt hinter unserem Bus in rotem Staub versank.

Flores an sich ist ein winziger Ort auf einer Insel, der jedoch der Ausgangspunkt für die Touren nach Tikal, der ehemaligen Hauptstadt des Maya-Reichs, ist. Ich entscheide mich dafür, eine Tour zu buchen (ja, man mag es kaum glauben, aber ab und zu mache ich das auch). Der eigentliche Grund ist aber ein praktischer: Die öffentlichen Busse sind kaum billiger, und ich wollte möglichst bei Tagesanbruch in Tikal sein, um den Massen zu entgehen. 70 Qutzales (rund 9€) erscheinen mir dafür angemessen (die geführte Tour habe ich dann doch abgelehnt – Ruf gerettet!).

Ich muss gestehen, dass ich bis vor wenigen Monaten nicht einmal von der Existenz Tikals wusse, und ich muss zugeben, dass das wohl ein ziemlicher Fehler war. Nachdem ich in Teotithuacan und Palenque war, erwartete ich eine Ruinenstadt ähnlichen Ausmaßes, aber weit gefehlt. Der Nationalpark, in dem die Ruinen liegen, ist 24×24 Kilometer groß. Das sind 576 unbewältigbare Quadratkilometer Fläche, mitten im tropischdn Regenwald Guatemalas. Der entfernteste Punkt konnte bis vor wenigen Jahren nur mit einem Flugzeug erreicht werden. Keine Autos, Fahrräder oder Tuck-Tucks sind erlaubt. Nur ein winziger Bruchteil der Ruinen sind überhaupt freigelegt worden. Der Rest ist immer noch unter Erde, Geröll und dichter Vegetation vergraben. Als die Ruinen vor über 100 Jahren wiederentdeckt wurden, meldete die Expedition an das Kulturbüro in Guatemala-Stadt, dass man sobene kleine, steinerne Häuser auf Hügeln im Regenwald entdeckt habe. Es dauerte einige Zeit, bis die Forscher begriffen, dass die „Hügel“ der eigentliche Bestandteil der Tempel ist.

Die Temperaturen sind wahnsinnig hoch – und das, obwohl es gerade erst 08:00 ist. Ich versuche möglichst im Schatten zu bleiben, doch andererseits will ich eben auch die Tempel besteigen. Mehr als 10-15 Minuten hält man es aber auf deren Spitze nicht aus. Es ist zu heiß. Zu feucht.
Die Pfade, die die Tempel miteinander durch den Dschungel verbinden, haben schon etwas abenteuerliches an sich. Wurzeln und Steine machen den Weg anstrengender, als er sowieso schon ist. Gäbe es keine Wegweiser, würde man sich hoffnungslos verlaufen. Auf einer der mehr oder weniger lesbaren Infotafeln steht, dass es Tikal zu seiner Blütezeit frei von Vegetation war. Im Gegenteil: Alles war gepflastert und bemalt. Davon merkt man heute nichts mehr, und mit diesem Wissen suche ich meinen Weg weiter durch den Regenwald immer in Richtung der nächsten Tempel. Von Zeit zu Zeit bekommt man auch einige Tiere zu Gesicht: So treffe ich auf eine Gruppe Nasenbären, die den Waldboden nach Fressbaren absuchen, einige Affen, die sich hoch in den Baumkronen von Ast zu Ast schwingen oder auch auf ein einsames Wasserschwein, das aber anscheinend keine Zeit zu verlieren hat, und sofort wieder im Unterholz verschschwindet.

Dann aber, ganz plötzlich, tauchen sie wieder vor einem auf, die riesigen Monumente einer untergegangen Zivilisation, die man selbst aus wenigen Metern Entfernung nicht gesehen hat, weil der Wald so dicht ist. Die Tatsache, dass man die meiste Zeit allein ist, trägt das ihrige dazu bei, dass man sich so fühlt, als wäre man gerade selbst Teil der Expedition, die diese steinernen Riesen der Vergangenheit wiederentdeckt hat.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich etwas finden würde, das es mit Angkor Wat aufnehmen könnte. Zu groß, zu alt, zu imposant erschienen mir die Ruinen im Dschungel von Kambodscha, als ich sie vor 2 Jahren das erste mal sah. Tikal kann sich aber durchaus mit Angkor Wat messen, vor allem im Hinblick darauf, was der Regenwald noch alles vor uns verborgen hält. Es wird wohl noch mindestens weitere 100 Jahre dauern, bis man das genaue Ausmaß dieser antiken Megastadt bestimmen kann.

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