Guanajuato – Auge in Auge mit den Toten

Mit dem Bus ist es nur ein Katzensprung von San Miguel nach Guanajuato. Knapp 1.5h fährt man durch trockene Landschaften, die dank des Regens jedoch grüner als sonst wirken. Es sieht schon ein bisschen mehr nach dem klassischen Hollywood-Italowestern Mexiko aus. Viele Brauntönte, überlagert von dezentem Grün in Form von Büschen, Sträuchern und unmengen Kakteen.

Guanajuato erscheint auf den ersten Blick deutlich unübersichtlicher als San Miguel. Und auch auf den zweiten. Beim dritten mal erkennt man erst ein wenig das System das hinter der Stadt steckt. In Guanajuato wurden vom Mitte des 16. Jh. bis zum Ende des 18. Jh. 20% der weltweit geförderten Silbermengen aus den unzähligen Minen rund und unterhalb der Stadt aus dem Berg geholt. Diese Minen gibt es heute noch, und sie werden auch weiterhin genutzt. Zwar sind die Silbervorräte längst erloschen, doch die Minenstollen werden heutzutage als Straßen genutzt. Das ergibt ein komplexes Straßensystem unterhalb und oberhalb der Erdoberfäche. Man kann diese Tunnel auch zu Fuß durchqueren, auch wenn das kein wirklich spannendes Erlebnis ist. Zwar gibt es einen Gehsteig links und recht der Straße, damit man nicht von plötzlich um die Kurve kommenden Bussen niedergewalzt wird, doch es ist dunkel, schmutzig und stickig. Klingt nicht toll? Ist es auch nicht.

Doch es gibt mehr zu sehen, als die alten Silberstollen. Meiner Meinung nach gibt es in der Regel 2 Orte, an denen man der Kultur eines Landes besonders gut näher kommen kann: Auf Märkten und auf Friedhöfen. Ersteres als Ort des Lebens und letzteres als Ort des Sterbens. Zwar bin ich noch nicht so lange in diesem Land, doch stellt man recht schnell fest, dass die Mexikaner eine besondere Einstellung zum Tod haben: Während der Tod in Europa oft eher als Tabu gesehen wird, etwas, worüber man selten spricht, und oft mit Trauer verbunden ist, feiern die Mexikaner den Tod und ihre Toten. Besonders stark kommt das am 1. November jeden Jahres zum Ausdruck, wenn der „Día de los muertos“ (Tag der Toten) gefeiert wird. Aber auch abseits von diesem bunten Fest, sieht man, dass die Mexikaner den Tod lockerer nehmen. Sinnbild dafür ist „La Catrina“: Ein Skelett einer Frau, dass oft mit Hut und bunten Kleidern dargestellt wird. Sie gibt es auf T-Shirts, als kleine Figuren oder Bildern überall zu kaufen.

Der Tod spielt in Guanajuato noch eine weitere Rolle. Als der örtliche Friedhof in den 60er Jahren zu klein wurde (Dieser ist wirklich winzig für eine 700.000-Einwohnerstadt) begann man, Gräber aufzulösen, und die darin liegenden Überreste zu exhumieren. Als man jedoch die Gräber öffnete, stellte man fest, dass viele Leichen nicht zerfallen waren, sondern mumifiziert wurden. Anschließend begann man mit dem Bau des „museo de los mumias“, welches heute das Highlight der Stadt ist. Ein bisschen grotesk ist es schon, an den Schaukästen vorbeizugehen, und darin die mumifizierten Überreste der Verstorbenen zu sehen. Und ja, es gibt sogar einen eigenen Raum für Kindermumien. Kurz überlege ich, ob die Leute damit einverstanden wären, hier ausgestellt zu werden, wenn sie das vor ihrem Ableben gewusst hätten. Dazu fallen mir die „Körperwelten“ des Deutschen Gunther von Hagens ein. Andererseits denke ich mir, dass es sie nicht weiterhin stören würde. Zumindest mich nicht. Auch wenn ich mir das nach wie vor nicht ganz vorstellen kann, ausgestellt zu werden. Tritt man aus den dunklen Räumen des Museums wieder auf die Straße, wird man erstmal vom Tageslicht geblendet, und man ist wieder zurück in der Welt der Lebenden.

Apropos Lebende: Quasi am anderen Ende des Lebens steht die Taufe. Wie ich darauf komme? Nunja, heute Früh bin ich mehr oder weniger in eine Taufe geplatzt. Ungewollt. Oder besser gesagt war es nicht eine Taufe, sondern eine Massentaufe. Wundert mich ein bisschen, das dies am Samstag stattfindet, aber ok: Wenn man schon einmal in der Kirche umringt von dutzenden Eltern und Verwandten steht während sie ihre kleinen, in weiß gekleideten Kinder in den Armen halten, kann man auch schon einmal bleiben, zumal es keinen zu stören scheint. Eigentlich bin ich erst gegen Ende des ganzen dazugekommen. Dennoch meine Erkenntnis: Es wird viel gebetet, gesunden und geklatscht. Ach ja, und mexikanische Männer scheinen weiße Sakkos zu lieben. Ein bisschen so wie in Miami Vice. Ja modisch sind die Mexikaner doch immer für Überraschungen gut.

PS: Heute, am 11. Juli 2015 jährt sich mein „Schlimmster Reisetag“ zum ersten Mal. Was passiert war? Es war mein allererster Tag in Indien, und ich denke der Begriff „Kulturschock meines Lebens“ ist nocn harmlos ausgedrückt. Aber das allein wäre noch kein Problem gewesen. Zu erfahren, dass das Gepäck irgendwo am Weg nach Indien verschwunden war, und niemand sagen konnte wann oder gar ob es je wieder auftauchen wird, war dann etwas zu viel für den Anfang. Heute finde ich es lustig, den Blogeintrag von damals zu lesen, auch wenn er nicht im Ansatz meine Gefühlswelt des damaligen Tages wiedergibt.

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