Iran – Ein Fazit

Wenn man versucht, ein Fazit über den Iran zu ziehen, stellt sich zuerst einmal die Frage, wo man denn überhaupt anfangen soll. Soll man zuerst beschreiben wie der Iran ist? Die Menschen? Das Reisen in diesem Land an sich? Oder sollte man zu Beginn nicht doch lieber zuerst die Vorurteile zerstreuen, die sich so hartnäckig in unserer Gesellschaft über dieses einzigartige Land halten? Ihr seht also, so leicht ist es bei diesem Land gar nicht.

Prinzipiell fühle ich mich ja von isolierten, schwieriger zu erreichenden und vor allem von den Massen ignorierten Orten in gewisser Weise angezogen. Dass ich mich daher für den Iran entschieden habe, der all diese Punkte erfüllt, scheint daher nicht verwunderlich. Wichtigste Regel, die man im Kopf haben sollte, wenn man den Iran bereist, ist, dass man möglichst ohne Vorurteile sich diesem Land öffnen sollte, denn dann wird es sich auch dir öffnen. Die Perser (die sich selbst niemals als „Iraner“ bezeichnen würden) sind ein offenes und freundliches Volk, dass jeden herzlich aufnimmt, der sich darauf einlässt. Dabei kommt es nicht darauf an, ob man selbst Perser, Europäer, US-Amerikaner oder sonst etwas ist.

Wenn man durch die Straßen von Teheran spaziert, vergisst man recht schnell, dass man sich hier im Iran befindet, der „bei uns daheim“ meist im Zusammenhang mit Negativschlagzeilen genannt wird. Wenn ich zu hause mit Freunden und Bekannten über den Iran spreche, sehe ich bei vielen folgende Gedankenfetzen in ihrem Kopf aufblitzen: Terror, IS, Unterdrückung, Diktatur, Burka, Gottesstaat, Atomwaffen, Radikalisierung, Hass.

Ja, der Iran ist kein „freies Land“ nach unserem Maßstab. Es gibt Internetzensur, Sittenwächter, Alkoholverbot, Strengere Glaubensvorschriften sowie die Kopftuchpflicht für Frauen. Das sind Punkte, die man nicht leugnen kann, doch sind sie bei weitem nicht so radikal, wie man das in unseren Breiten oft vermutet. Die Perser leben mit diesen Vorschriften, denn für sie sind sie zum Alltag geworden, jedoch beschweren sich auch einige mehr oder weniger öffentlich darüber.

Hier im „Westen“ nimmt man oft an, dass der Iran erst in die Diktatur gestürtzt wurde, nachdem der Schah 1979 ins französische Exil fliehen musste, doch das stimmt nicht. Diese Anschauung beruht, denke ich, auf unserer verklärten Vorstellung der persischen Monarchie. Der Schah genoss im Westen großes Ansehen und galt als enger Verbündeter. Im Iran selbst wuchs der Widerstand gegen ihn und seine dekadente Herrschaft von Jahr zu Jahr. Als 1978 In Teheran bis zu 2 Millionen Menschen gegen den Schah auf die Straße gingen, setzte dieser die Armee ein, und ließ auf das eigene Volk schießen. Dieser Tag sollte als der „Schwarze Freitag“ in die iranische Geschichte eingehen. Er bedeutete auch den Wendepunkt in der Revolution. Von nun an war es nur mehr eine Frage der Zeit, bis er gestürtzt werden würde.

Viele Perser sind der Meinung, dass sich seit damals nur wenig geändert habe. Der Geist der Revolution wurde missbraucht. Es wurde lediglich der Mann an der Spitze ausgetauscht. Aus einer weltlichen Diktatur wurde eine Religiöse.

Doch im Laufe der Zeit wurde der Iran durch politische Schachzüge immer mehr und mehr von der Staatengemeinschaft isoliert. Seit Jahren wird der iranischen Regierung unterstellt, den Bau der Atombome voranzutreiben. Seit Jahren stellen einige wenige Staaten in Aussicht, dass sich das iranische Regime bereits in wenigen Monaten im Besitz von nuklearen Sprengsätzen befinden könnte, wenn man nicht auf der Stelle handle. Seit Jahren betäuert der Iran, sich nicht zur Atommacht machen zu wollen, dennoch lasten schwere Sanktionen auf dem Iran, die man auch in abgeschwächter Weise als Reisender zu spüren bekommt. Jedoch sollte man sich nicht beschweren, denn die Unannehmlichkeiten, denen man beim Reisen durch die Sanktionen ausgesetzt ist, sind nur ein winziger Bruchteil dessen, was die Bevölkerung nun seit 9 Jahren Tag für Tag erträgt. Doch anstatt der von der Staatengemeinschaft erhofften Resignation innerhalb der Bevölkerung präsentiert sich das persische Volk als standhaft und kollegial. Auf mich wirkte es nicht so, als würden die Sanktionen den Iran in die Knie zwingen. Im Gegenteil.

Zum Sicherheitsaspekt kann man nur sagen, dass dem Iran ein unglaublich schlechter Ruf vorauseilt. Eingekesselt zwischen den Krisenherden im Irak, Afghanistan und Pakistan präsentiert sich der Iran als sicherster Hafen der ganzen Region. Selbst im direkten Grenzgebiet zu jenen Krisenstaaten kann man nicht von aktivem Gefahrenpotential sprechen. Wer also den Iran für einen Staat hält, indem Terror und Gewalt regieren, sollte vermutlich lieber seine bisherige Tageszeitung wechseln und zu recherchieren beginnen.

Im Allgemeinen kann man sagen, dass der Iran kulturell und gesellschaftlich für jeden eine Offenbarung sein wird, der sich vollkommen darauf einlässt, dieses einzigartige Land persönlich kennenzulernen. Ich bin äußerst froh, meine zweite Reise in den Iran gemacht zu haben, denn erst dadurch erschlossen sich mir viele Aspekte, die ich beim ersten mal nicht in diesem Ausmaß wahrgenommen hatte.

Am Ende der Reise stellt sich bei mir oft die Frage, ob ich jemals zurückkehren werde (nicht „möchte“ – wenn es darum ginge müsste ich vermutlich 365 Tage/Jahr im Ausland verbringen, denn zurück wollen würde ich in jedes bisher bereiste Land). Und die Antwort ist: definitiv.

 

Ein besonderes „Danke“ möchte ich an Christopher aussprechen, der mit den Reiseplanungen schon begonnen hatte, kurz nachdem ich ihm von meinem Reiseplan erzählt hatte. Es soll nicht die letzte Reise gewesen sein, auf die wir uns gemeinsam eingelassen haben (Pläne gäbe es ja schon genug). All meinen Lesern kann ich abschließend nur seinen (derzeit im Aufbau befindlichen) Blog empfehlen: https://beretravels.wordpress.com/.

Danke an alle, für das treue Mitlesen. Die nächste Reise kommt bestimmt! Ich hoffe ihr seid wieder alle dabei.

 

 

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5 Gedanken zu “Iran – Ein Fazit

  1. Klasse geschrieben und sehr stark recherchiert! Hast wirklich fast alles abgedeckt. Was soll ich denn jetzt noch in mein Review schreiben? Stehe grade etwas ideenlos da. Aber mir fällt sicher noch was ein. Hehe.
    Danke für die Erwähnung und den Link! Bis zur nächsten Reise!

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  2. Hat dies auf myenglishlive rebloggt und kommentierte:
    Ich finde es toll, dass du versuchst die Gedanken der Menschen zu ändern.. denn das land Iran an sich ist ja nicht schlimm – im Gegenteil: die Landschaft ist wunderschön und die Bevölkerung sehr nett.. doch das wird durch das Regime sehr verdunkelt bzw verschlechtert… schade eigentlich

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