Iraj: Weinerlich, orientierungslos, und vor allem eins: Unser Taxifahrer

Eigentlich war unser Plan denkbar einfach: Wir wollten ein Taxi für den ganzen Tag mieten, dass uns dann zu einigen interessanten Plätzen in Beluchistan bringen sollte, zu einem vorher vereinbarten Preis. Was wir nicht wussten: Dass diese einfachen Forderungen schwer durchzusetzen sein würden.

Aber alles der Reihe nach: Reza, unser netter Host aus Zahedan, bot uns nach dem Frühstück an, uns auf dem Weg zur Arbeit am Taxistand abzusetzen, um dort einen vertrauenswürdigen Fahrer zu einem fairen Preis für uns zu finden. Das klang sehr vielversprechend. Es war auch nicht sonderlich schwer, einen Fahrer zu finden, den auch Reza gut fand. Er speicherte sich noch dessen Nummer ein und fotografierte seinen Ausweis. Sicher ist sicher.

Unser Fahrer, Iraj, wirkte auf den ersten Blick ziemlich jung, jedoch stimmte er einem guten Preis zu, also dachten wir uns dabei. Bevor es los ging, mussten zuerst noch seine Haare in Form gebracht werden. Dazu hatte er immer eine kleine Bürste in seiner Hemdtasche. Er war wohl mehr Inder als Iraner. Die Frisur saß, und wir rollten langsam in den Süden des „wilden“ Beluchistans.
Als wir Zahedan verlassen hatten, suchte er erstmals sein Handy aus seiner Tasche heraus, und begann mit allen möglichen Leuten zu telefonieren. Wir verstanden nicht viel, aber aus den Brocken „Tourist“, „Aleman“ und „Autriche“ ergab sich folgende Interpretationsmöglichkeit: „Du hör mal, weißt du schon das Neueste? Ich habe gerade 2 Touristen bei mir im Auto sitzen, und die wollen, dass ich sie in die größten Kaffs fahre! Und das für ’ne riesen Stange Geld! Wie geil ist das denn?“ So ging es die ganze Zeit, bis wir die erste Stadt erreichten.

Kash, ein Dorf mitten in der Einöde. Dennoch lag es auf unserem Weg, und wir wollten uns dort ein bisschen umsehen. Auf der Fahrt dahin fiel uns das erste mal Irajs‘ Liebe zur Bollywoodmusik auf, die er lautstark und mit wilden Gesten zu seinem Besten gab. Telefon am Ohr, laute Musik und ein Gestrampel, dass wohl „tanzen“ hätte sein sollen. Dazu wilde Überholmanöver. Iraj war in seinem Element.
Iraj hatte uns vorher gefragt, ob es ok sei, wenn er seinen Cousin (zumindest glaubten wir, dass er das sei) mit nach Bam nehme. Ich war von der Idee weniger begeistert, da es gegen unsere Abmachung verstieß, aber nach einigem hin & her stimmten wir zu. Das Problem an der Sache: Iraj wusste nicht wo seine „Familie“ wohnte. Wilde Telefongespräche folgten. Wir fuhren durch das Dorf, fragten Leute auf der Straße, und verfuhren uns. Nach einer halben Ewigkeit erreichten wir ein kleines Haus, und wurden hineingebeten. Ein älterer Herr reichte uns Wasser: Aus Mekka, Saudi-Arabien! Zumindest die Flasche war von dort. Christopher zerstörte meine Illusion und meinte, dass es wohl nur billiges Filterwasser sei. Spaßverderber.
Während wir also im Wohnzimmer warteten, hörten wir anfangs religiöses Gemurmel aus dem Nebenraum, anschließend lautes Schmatzen. Wir waren schon über 1.5h in Khash, wo es nicht viel zu sehen gab, und das nur, damit unserer Fahrer sich vollfuttern konnte. Das war das erste mal, als ich daran dachte, dass es wohl nicht die beste Entscheidung war, Iraj als Fahrer auszusuchen.

Endlich ging es weiter. Nun zu 4. Irajs‘ Cousin schob sich noch grünes Pulver in einem Taschentuch unter die Vorderlippe, und es ging weiter in den Süden nach Iranshar. Irgendwo auf der Straße in der größten Einöde fragte Iraj dann, ob er sich meinen Lonely Planet ansehen dürfe. Während des Fahrens versteht sich. Eigentlich war er nur an dem kleinen Wörterbuch im hinteren Teil interessiert. Als er das Steuer aber 2x verrissen hatte, gab er das Buch seinem Cousin, der neben mir auf der Rückbank saß. Dieser las Iraj JEDES WORT auf Farsi vor, dann überlegte er, ob er die Übersetzung auf Englisch brauche, oder nicht. Wenn ja, dann schrieb sein Cousin es auf einen Fetzen Papier. Wenn nicht, überlegte er trotzdem, ehe ein piepsiges „Na!“ folgte.
 
Cousin: „Farsifarsifarsifarsi“
Iraj: *überlegt* „Na!“
Cousin: „Farsifarsifarsifarsi“
Iraj: *überlegt noch länger* „Na!“

Und so ging es beinahe die ganze Zeit von Kash nach Iranshar. Naja zumindest fast, denn plötzlich hatte Iraj Geld gewittert, und wollte noch einen 5. mit ins Auto holen. Das war klar gegen die Abmachung. Dass wir seinen Cousin mitgenommen hatten, war ein Zeichen unseres guten Willens, doch plötzlich wollte Iraj nicht nur unseren Finger, sondern gleich die ganze Hand. Konsequenz aus unserer Entscheidung: Er wollte 500.000 Rial mehr, denn immerhin hätten wir ihm ja das Geschäft verdorben. Natürlich lehnten wir auch das ab. Ab dann war es vorbei mit dem Frieden. Iraj wurde nicht ungehalten, wie viele andere Taxifahrer, sondern weinerlich. Nachdem das Vokabelspiel der beiden vorbei war, weinte er sich bei seinem Cousin auf Farsi aus: „Sisat-o Panj? NA! Chehel! Zahedan, Kash, Iranshar, Bampur, Bazman Bam. Shish! NA!“ (Übersetzung: 3.5 Millionen? NEIN! 4 Millionen. Ich fahr euch durch 6 Ortschaften! (und leider weiß ich als Taxifahrer nicht wie viele Kilometer das sind und hab mich von Touristen verarschen lassen!)) Darauf folgte dann noch ein klickendes Geräusch, dass er von sich gab *tststststst* DIE GANZE ZEIT LANG! Als würde das etwas an unserer Entscheidung ändern, ihm nicht mehr zu bezahlen. Aber auch seine Freunde rief er an, bei denen er vorhin noch angegeben hatte, dass er viel Geld mit uns verdienen werde, und heulte sich aus. Wir blieben hart.

In Iranshar holten wir uns etwas zu essen und wollten nach Bampur weiter. An der Kreizung Bampur-Bam blieben wir plötzlich stehen, denn Iraj hatte einfach keine Lust mehr uns die letzten 5 km nach Bampur zu fahren, und wollte gleich weiter nach Bam. Nicht mit uns! In der Zeit, die wir an der Kreuzung mit Disskusionen vergeudet hatten, wären wir schon längst am Rückweg von Bampur gewesen, aber nein, unser Fahrer meinte, er habe jetzt das Sagen. Irgendwann gings dann endlich doch nach Bampur, doch als wir die Stadt erreichten, meinte Iraj, es gebe hier nichts zu sehen, und wir fahren jetzt zurück. Nach weiteren Diskussionen fuhr er doch weiter, und, Überraschung Überraschung: Es gab doch eine wirklich spannende Festung. Aber mehr als 2 Fotos durften wir nicht machen, denn Iraj hatte Todesangst. Er simulierte Schüsse und warf sich theatralisch seinen Schal über das Gesicht. Ziemlich überzogen.

Auf der Rückfahrt war es relativ still im Auto, doch um das Fernlicht einschalten zu können, musste Iraj die Beleuchtung der Amatur abschalten, da er sonst nicht genug Strom für die Scheinwerfer hatte, mit denen er den Gegenverkehr gnadenlos blendete. Irgendwann, nach dutzenden wahnsinnigen Überholmanövern erreichten wir abends Bam. Doch damit war die Sache noch nicht beendet, denn es war ja immer noch nicht geklärt, wie viel die Fahrt denn nun kosten sollte. Zum Glück eilte uns der Besitzer unseres Guesthouses zu Hilfe, und machte Iraj lautstark deutlich, dass er im Unrecht war. Dieser wollte aber mehr Geld, denn, klar, wir sind Ausländer und haben es ja, was denn sonst. Für mich war die Sache klar, dass er nicht mehr als den vereinbarten Betrag bekommt. Am Ende hat Christopher die Situation mit ein paar Rial mehr beendet, auch wenn Iraj immer noch vor sich hin weinte, dass er mehr haben will. Die Tür des Guesthouses schloss sich, und damit war sie beendet, die erreignisreichste Taxifahrt meines Lebens. Auch wenn es viele Nerven gekostet hatte, wird das wohl einer der Momente sein, den keiner von uns beiden so schnell vergessen wird.

Ein Gedanke zu “Iraj: Weinerlich, orientierungslos, und vor allem eins: Unser Taxifahrer

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