Sistan und Belutschistan – Grenzerfahrungen im Dreiländereck

Wer mich kennt weiß, dass es mich gerne an Orte treibt, die etwas abseits der üblichen Routen liegen. Auch wenn der Iran selbst bereits so ein Ort ist, gibt es Gebiete, in denen man keinen anderen Reisenden trifft. Die Grenzregion Sistan und Belutschistan, in der sich die Länder Iran, Pakistan und Afghanistan treffen, zieht nicht viele Besucher an. Die Landschaft ist karg, doch es gibt etwas an diesem Stücken Land, dass es wert ist, hierher zu kommen. Was das ist, muss jeder für sich selbst entscheiden, und wenn es nur der Transit nach Pakistan oder Afghanistan ist.

Mit dem Zug sind es etwa 25 Stunden von Teheran nach Zahedan. Dies bedeutet auch, dass meine bisher längste Zugfahrt von Hyderabad nach Kalkutta (22 h) damit überboten war. In unserem Abteil kamen wir recht schnell mit einem persischen Pärchen in Kontakt, und es stellte sich heraus, dass Reza ein aktives Couchsurfing-Mitglied ist. Schnell war eine Einladung ausgesprochen, und wir nahmen dankend an, da wir im Vorfeld gehört hatten, dass viele günstige Hotels keine Ausländer aufnehmen. Sicherheitsrisiko angeblich.

Da wir schon gegen Mittag in Zahedan waren, konnten wir uns noch ein Taxi nach Schar-e Sukthe organisieren. Schar-e Sukthe ist eine fast 5.000 Jahre alte Stadt, die man begonnen hat, Stück für Stück wieder auszugraben. Doch um überhaupt dort hin zu kommen, mussten wir uns erstmal mit dem Fahrer auf einen Preis einigen, was sich als deutlich schwieriger herausstellte als man denken mag. Naja, irgendwann ging es dann los Richtung Norden. Eines der Highlights war ein Stop auf einem kleinen Schotterparkplatz. Nichts besonderes auf den erstem Blick, doch wenn man das GPS auf dem Handy einschaltet sieht man, dass man durch doch 3km von Afghanistan und Pakistan entfernt ist. Und ja, das war schon etwas spannendes für uns.

Schar-e Sukthe selbst war etwas kleiner als wir uns erwartet hatten, doch am äußersten Rand des Nahen Ostens durch ein paar alte Ruinen zu wandern war den Ausflug bereits wert. An die vorgegebenen Absperrungen hielt sich niemand und in Abwesenheit von Sicherheitspersonal konnten wir zwischen den Ruinen frei herumwandern. Der Boden war mit tausenden alten Tonscherben übersäht von denen einige sogar bemalt waren. Unser Fahrer sammelte fleißig einige davon ein.

Zurück in Zahedan wurden wir dann von Reza, seiner Schwester, seiner Freundin und deren Schwester zum Essen eingeladen. Das „Restaurant“ in das wir eingeladen war, könnte in dieser Form auch irgendwo kurz hinter der tschechischen Grenze stehen. Alles war bunt und blikte wie verrückt. Um 1 Uhr ging es endlich ins Bett, doch um 8 mussten wir bereits wieder los, denn der zweite Teil unserer Etappe durch das Grenzgebiet stand an. Diesmal in den Süden nach Belutschistan.

Ein Taxifahrer war mit der Hilfe von Reza schnell gefunden (zu der Fahrt an sich MUSS ich wohl einen eigenen Eintrag schreiben, denn es war wohl die unterhaltsamste und zeitgleich schlimmste meines Lebens. Auf jedenfall gibt sie eine geniale Geschichte ab!). Beluschistsn unterscheidet sich von Sistan insofern, da man an vielen Stellen glauben könnte, man stehe mitten in Afghanistan. Zumindest sieht es so aus, wie auf den Aufnahmen im Fernsehen.

Wir fuhren durch die schlimmsten Kaffs im ganzen Land. Khash zum Beispiel war ein Dorf mitten in der Einöde. Sandstürme fegten durch die staubigen Straßen, während Arbeiter versuchten, ein Loch auszuheben. Ein Kind in einer Winterjacke suchte seinen Weg durch den Staub. Nein, wir hatten den Iran irgendwo auf der Straße von Zahedan hierher hinter uns gelassen. Zumindest fühlte es sich so an. Wäre da nicht die riesige grün-weiß-rote Flagge im Kreisverkehr gewesen, und Khomeini, der wie immer mit seinem strengen Blick von den Plakaten heruntersah, man hätte glauben können, man sei irgendwo in Afghanistan verschollen.

Von Khash ging es dann weiter nach Iranshar und Bampur, Orte, die vermutlich selbst die erfahrensten Iranreisenden nur vom Hören-Sagen kennen.

Zur Sicherheit in Sistan und Belutschistan: Ja, es ist eine Region, die durch gewisse Einflüsse deutlich instabiler ist, als der Rest des Irans. Ja, diese Provinz grenzt an Pakistan und Afghanistan. Ja, Drogenschmuggel ist hier an der Tagesordnung (und Hinrichtungen finden ebenfalls statt). Ja, man sollte vielleicht ein bisschen mehr Vorsicht walten lassen, als im Rest des Landes.

Doch nun will ich auch etwas mit den Vorurteilen aufräumen, die es so über Sistan und Belutschistsn gibt: Nein, hier leben nicht nur Terroristen, Entführer und Drogenschmuggler. Nein, es besteht kein aktueller Grund, diese Provinz vom Reiseplan zu streichen. Nein, man sollte nicht unbedingt von den Sicherhektshinweisen der Botschaft von einer Reise hierher abhalten lassen.

Sistan und Belutschistan begeistern durch ihre kargen Landschaften, freundlichen Leute und unbekannten Sehenswürdigkeiten. Ich bin froh, hierhin gereist zu sein

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