Indien – Ein Fazit

Das ist er also, der Moment, an den ich die letzten 10 Wochen versucht habe, nicht zu denken. Der Moment, in dem ich das Kapitel „Indien“ also langsam zu schliessen beginne, und versuchen muss, alles irgendwie in Worte zu fassen. Schon vor dem ersten Absatz weiss ich, dass es mir nur maessig gelingen wird. Indien ist eben Indien. Das laesst sich nicht beschreiben.

Dass es mich dieses Jahr nach Indien verschlagen sollte, hatte ich bereits am ersten Tag in Bangkok vergangenen Jahres beschlossen. Als ich dann aus Thailand heimkam, war ich fester entschlossen denn je, dieses Land zu sehen. Noch im Flugzeug nach Hyderabad dachte ich mir noch, dass Indien doch auch keine groessere Herausforderung werden koenne als Thailand. Oh, wie sehr ich mich doch irren sollte!

Indien verzeiht keine Fehler. Passt man einmal nicht auf, schlaegt es einem ins Gesicht, und erinnert daran, dass das hier doch eine Stufe hoeher ist, als Suedost-Asien. Das bekam ich nur zu oft zu spueren. An den ersten Tag in diesem Land erinnere ich mich nur zu gut. Er war die Hoelle. Indien hatte mich ueberfordert. Masslos ueberfordert!

Ich sass in meinem Zimmer, und ging alle moeglichen Szenarien durch. 10 Wochen hier in meinem Zimmer bleiben, heimfliegen, weitermachen. Alles schien ploetzlich moeglich, nichts wurde ausgeschlossen. Doch ich entschied mich richtig. Ich habe nicht abgebrochen, nicht zurueckgezogen, und ab diesem Moment begann sich Indien mir langsam zu oeffnen.

Alles, das mich anfangs ueberfordert hat, all der Dreck, das Chaos, die Menschen, die Mentalitaet und die Planlosigkeit, die ueberall vorherrscht, sind in den letzten Wochen immer mehr und mehr zum Alltag geworden. Schnell habe ich eingesehen, dass es keinen Sinn macht, dagegen anzukaempfen. Man kann sich hier entscheiden, ob man den schweren oder den leichten Weg geht. Will man letzteres, sollte man sich anpassen, und zwar schnell.

Die Inder selbst, die mich zu Beginn mit ihrem unverstaendlichen Kopfwackeln, ihrer Desorientierung und ihrer Gleichgueltigkeit beinahe in den Wahnsinn getrieben haben, erscheinen mir heute als eines der interessantesten und hilfsbereitesten Voelker ueberhaupt.

„Wir Inder werden oft versuchen, dich ueber den Tisch zu ziehen, aber wir werden dir immer einen Schirm reichen, wenn es regnet.“

Dieses Zitat beschreibt meine Erfahrung mit diesem verrueckten Volk am besten, denn wenn man wirklich Hilfe braucht, wird sich immer jemand finden, der einem hilft. Wenn ich gefragt wurde, was ich denn als das Beste an Indien finde, habe ich immer gesagt: „Die Menschen.“ Indien hat wunderschoene Landschaften, beeindruckende Tempel und Palaeste, unglaubliche Grossstaedte, aber die Menschen hier in Indien machen dieses Land zu dem, wieso es so viele Reisende lieben.

Apropos Staedte: ich bin eigentlich kein grosser Fan der Millionenstaedte. Weder in Europa, und schon gar nicht in Indien, doch man kann sich ihrem Bann nicht entziehen. Egal wie sehr ich durch den Verkehr, die unendlichen Menschenmassen, die Armut und den Schmutz in den Staedten wie Delhi, Kalkutta oder Jaipur genervt war, strahlen sie doch etwas aus. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber die Grossstaedte gehoeren zu Indien wie das Taj Mahal und die Hitze. Wer keine Grossstadt Indiens gesehen hat, hat Indien nicht gesehen, soweit wage ich mich aus dem Fenster zu lehnen.

Doch die wahre Schoenheit Indiens findet sich meiner Meinung nach da, wo nur wenig danach suchen. Oft sind es kleine Dinge, wie ein kleiner See, ein versteckter Teeshop oder ein anderer entlegener Ort, an dem sich keine anderen Menschen finden, und man sich bewusst werden kann, wo man denn eigentlich ueberhaupt ist.

Wie bereits gesagt, muss man trotz all der Schoenheit und Gastfreundschaft immer damit rechnen, dass Indien einem unverhofft ins Gesischt schlaegt, und dich wieder auf den Boden der Tatsachen zurueckholt. An dem einen Tag kannst du noch auf einem Motorrad durch die Landschaft fahren, am naechsten Tag liegst du mit Fieber und Magenschmerzen im Bett. Heute kannst du dich noch in der Atmosphaere des Goldenen Tempels verlieren, morgen kann dir an jenem magischen Ort das Handy gestohlen werden. Indien hat zwei Gesichter. Immer und ueberall.

Doch egal wie sehr ich manche Momente verflucht habe, im Endeffekt bleibt die Erinnerung daran, egal ob der Moment die Hoelle war, oder nicht. Rueckblickend habe ich mehr gesehen und gemacht, als ich mir es jemanls erwartet habe. Ein paar Beispiele gefaellig? Bitteschoen.

Ich habe:

-) den Kulturschock meines Lebens erlitten

-) an mir selbst gezweifelt, und dennoch weitergemacht

-) 2 sehr gute Freunde wiedergesehen, und dutzende neue Bekanntschaften geschlossen

-) Tage in Zuegen verbracht, und weiss bis heute nicht, wohin die Zeit verschwunden ist

-) eines der am wenigsten bereisten Laender der Erde gesehen

-) eine ganze Busfahrt einschliesslich Gewitter am Dach zurueckgelegt

-) meine Arme am Ganges (und mich damit nach hinduistischen Glauben von den Suenden) reingewaschen

-) beobachtet, wie die Hindus ihre Toten verbrennen

-) mit Bauern Abendessen gekocht

-) gegen Fieber, Uebelkeit, Magenschmerzen und Durchfall gekaempft

-) mich mit Indern am Goethe-Institut in Delhi auf Deutsch unterhalten

-) mich vom Glanz des Taj Mahals geblendet gefuehlt

-) gesehen, dass es Rassismus auch gegenueber Reisenden gibt (und es immer jemanden gibt, der einem Hife anbietet)

-) mich in der Atmosphaere des Goldenen Tempels verloren

-) Gesehen, wozu der Konflikt zwischen Pakistan und Indien gefuehrt hat

-) erlebt, dass Zeit in Indien keine wirkliche Rolle spielt

-) verstanden, dass Indien nicht nur ein Reiseland, sondern ein Lebensgefuehl ist.

 

Zu guter letzt: eine Frage, die unter den Reisenden immer wieder auftaucht ist jene, ob man denn enttaeuscht/traurig ist, dass man wieder heimfliegen muss, und nicht weiterreisen kann, obwohl es offensichtlich noch so viel zu sehen gaebe. Ich muss gestehen, dass ich darauf keine eindeutige Antwort habe. Ja, natuerlich koennte ich noch Monate hierbleiben, doch das wuerde im Endeffekt nichts daran aendern, dass man dann erst wieder die selbe Frage gestellt bekommt, und man wieder keine klare Antwort geben kann. Jede Reise geht zu Ende, egal wie lange sie dauert. Andererseits gibt mir das Nachhausekommen die Moeglichkeit, mir Gedanken ueber die naechste Reise zu machen.

Hiermit beende ich meine Reise durch Indien, und damit auch die regelmaessigen Eintraege. In meiner Blog-Statistik sehe ich, dass ich doch einige Leute dazu gebracht habe, mich auf diesem Weg auf meiner Reise zu begleiten. Ich moechte mich daher bei allen bedanken, die mir hier ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben, egal ob seit Anfang an, oder erst seit kurzem, ob regelmaessig oder nur ab und zu. Bei meiner naechsten Reise werde ich auf dieser Seite meine Eintraege fortsetzten, und hoffe den ein oder anderen wieder zum Mitlesen motivieren zu koennen.

Danke und bis dann!

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