Rajasthan – Die Grenzen verschwimmen

Eigentlich wollte ich jedem der Orte, die ich in den letzten 2 Wochen bereist habe, einen eigenen Artikel wittmen.

Jaipur, Jaisalmer, Jodhpur und Udaipur. Jede dieser Städte hätte es verdient, dass man über sie schreibt. Doch in meinem Kopf findet sich oft keine klare Trennlinie zwischen diesen 4 Städten. War dieses Fort nun in Jaipur? Oder doch eher in Jodhpur? Hatte ich in Jaisalmer dieses tolle Abendessen? Vielleicht war es aber auch in Udaipur?
Ich muss aber sagen, dass es mir ziemlich egal ist, dass sich diese 4 Städte eher zu einer gemeinsamen Erinnerung entwickelt haben, denn genau so habe ich sie auch wahrgenommen, was vor allem auch daran liegt, dass ich die meiste Zeit mit 2 Engländern, Daniel und David, gereist bin. Und das sehr langsam. Aber alles der Reihe nach, denn an ein Ereignis kann ich mich noch sehr gut erinnern, und das war auch gleich meine erste Erfahrung in Rajasthan:

Nachdem ich ja, wie bereits berichtet, mein Handy in Amritsar verloren hatte, ging es mit dem Nachtzug nach Jaipur. Es sollte eine Zugfahrt wie jede andere werden, soweit zumindest der Plan. Was Pläne jedoch wert sind in Indien, hatte ich in dieser Nacht leider schmerzhaft zu spüren bekommen.
Gegen 03:00 Uhr wache ich auf. Zuerst mal nichts Besonderes. Doch dann drehte ich mich zur Seite, und merkte, dass ich starke Magenschmerzen hatte. An schlafen war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken, denn zu den Magenschmerzen kamen noch Übelkeit und Magen-Darm Probleme. Zum Glück war mein Bett so nah an der Toilette wie möglich, doch das machte die gesamte Situation auch nicht besser, denn eine Toilette im Zug besteht eben nur aus einem Loch im Boden, 2 Fußrastern und einer Metallstange zum Festhalten. Und nein, ich hatte nicht nur einmal das Vergnügen, sondern gleich mehrere male. Eigentlich hätte ich meine ganzen Sachen gleich mitnehmen können, denn ich hatte das Gefühl, die restliche Zugfahrt sowieso hier zu verbringen.

Als ich gegen 07:00 Uhr dann endlich Jaipur erreichte, hatte ich eine der schlimmsten Nächte hinter mich gebracht. Müde suchte ich meinen Weg zum Ausgang, wo eigentlich jemand von meinem Hostel auf mich warten sollte um mich abzuholen, doch ich fand niemanden. Erschöpft setzte ich mich erst einmal in den Schatten. Zu diesem Zeitpunkt war mir alles egal. Ich suchte nach einem Taxi, einem richtigen, nicht nach einem meiner geliebten und billigen Auto-Rickshaws, denn von dem Taxi erhoffte ich mir, dass es mein Hostel kannte, und mich schnellstens dorthin bringen konnte. Als ich dann endlich eines fand, wollte der Fahrer zuerst einmal 250 Rupien haben. Eigentlich war ich kurz davor einzuwilligen, doch dann dachte ich mir, dass ich gar nicht so erledigt sein kann, um diesen Preis ok zu finden. Irgendwie schaffte ich es dann den Preis auf 100 Rupien zu drücken, aber im Prinzip war es mir egal, dass ich immer noch den Touristenpreis bezahlte. Als der Fahrer trotz GPS den Weg nicht fand war ich kurz davor zu verzweifeln. Nach 15 Minuten schafften wir es dann zum Hostel, und ich setzte mich erstmal mitten in die Einfahrt, denn sonst hätte ich es wohl nicht geschafft. Erinnerungen an Orcha wurden wach. „Nein, nicht noch einmal“. Mehr dachte ich in diesem Moment nicht.
Nach einigen Medikamenten eines freundlichen Britens und mehreren Stunden Schlaf ging es mir deutlich besser. Auch das Wiedersehen mit Gerrit und Fernando taten ihren Beitrag. Der Rest des Erlebten verschwimmt im Regen des Monsuns.

Mit dem Bus sollte es dann nach Jaisalmer weitergehen. 12 Stunden in einer winzigen Kabine, die sich „Sleeper“ nennt, und das Beste war, das es zu finden gab.
Austieg vom Bus. Greller Sonnenschein. Gefühlte 45 Grad (die echte Temperatur sollte nur wenig darunterliegen, fand ich später heraus). Die Welt um mich herum hatte sich verändert. Es schien fast so, als hätte ich letzte Nacht Indien irgendwo zwischen den unzähligen Schlaglöcher der Straße hinter mir gelassen. Viel mehr fühlte ich mich, als wäre ich an diesem Morgen in einer arabischen Stadt aufgewacht, wie man sie aus Geschichten kennt. Alle Gebäude der Stadt waren aus Sandstein gebaut. Winzige Gassen suchten sich ihren Weg durch das undurchschaubare Gewirr an Häusern. Nichts erinnert mehr an die Großstädte Indiens. Das hier war ja nicht einmal Indien. Zumindest nicht für mich.
Am Weg zu meinem Guesthous traf ich dann Daniel und David wieder, die ich schon aus Amritsar kannte. Wir entschieden uns, 4 Nächte zu bleiben. Vermutlich eine der besten Entscheidungen der ganzen Reise. Tagsüber war es heiß. Sehr heiß, weshalb wir unsere Aktivitäten auf ein Minimum beschränkten, und uns nur am Abend in der Stadt bewegten (für indische Verhältnisse hingegen ist dies wohl alles andere als eine Stadt – 75.000 Einwohner; wohl eher ein Dorf).
Im Prinzip ist Jaisalmer einfach aufgebaut: in der Mitte erhebt sich das Fort auf einem Hügel, darum herum drängen sich die Häuser. Alles wird von einer Stadtmauer begrenzt. Befindet man sich aber erst einmal in dem Netzwerk aus engen Gassen, ist das Fort plötzlich nicht mehr sichtbar, und alle Häuser sehen gleich aus. Und wie könnte es anders sein: wir haben uns dadurch hoffnungslos verlaufen. Obwohl wir wussten, dass wir nicht weit weg sein konnten, drehten wir uns im Kreis. Erst mit der Hilfe eines alten Mannes, dessen Ohrenhaare wie jene eines Weißbüscheläffchens aussahen, fanden wir zurück zum Hauptplatz.

Rückblickend gesehen, weiß ich aber bis heute nicht, wo die 5 Tage geblieben sind. Vermutlich war es so weit, eine echte Auszeit zu nehmen, und Jaisalmer, das einem das Gefühl gab, dass die Zeit stehen geblieben sei, war dafür einfach perfekt.

In Jodhpur habe ich dann seit einer Ewigkeit wieder ferngesehen. Eigentlich nicht wirklich interessant, doch neben dem normalen Programm (das übrigens größtenteils Mist ist), gibt es dann zum Glück auch ab und wann Nachrichten. Und jene Nachrichten haben mich zum ersten mal über meine Entscheidungen nachdenken lassen.
Folgendes war passiert: Im Norden Indiens kam es in den letzten Wochen zu enormen Regenfällen, die einige der größten Städte in jener Region zwischen Pakistan und Indien unter Wasser gesetzt hatten, darunter auch Jammu und Srinagar, 2 Städte, die eigentlich anfangs auf meiner Reiseroute standen. Hätte ich mich gegen Rajasthan und für den Norden entschieden, tja dann hätte ich meinen Rückflug fürs erste einmal auf unbestimmte Zeit verschieben können, denn Srinagar zum Beispiel ist derzeit nicht auf dem Landweg erreichbar. Während es im Norden weiterregnet, denke ich zurück an Jaisalmer, und überlege, ob ich in der gesamten Zeit auch nur eine Wolke gesehen habe.

Nein, vermutlich nicht.

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