Indien/Pakistan – Grenzkonflikt zwischen Pomp, Protz und Bollywoodmusik

Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan ist so alt wie die beiden Nationen selbst, und wahrscheinlich noch viel älter. Nach der Teilung in einen muslimischen und einen hinduistischen Staat 1947, kam es in der Vergangenheit immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzung. Der immer noch andauernte Streit um die Region Kashmir, wo es keinen offiziellen Grenzverlauf gibt, und die Tatsache, dass sich die beiden Staaten bis heute de facto im Kriegszustand befinden, sind nur die letzten Auswüchse dieser uralten, interreligiösen Auseinandersetzung.

Soweit zum Verständnis. Der Grenzübergang nahe Amritsar ist der einzige, der offiziell genutzt werden kann, wenn man beabsichtigt nach Paksitan zu reisen (wobei es noch eine Zugverbindung zwischen Jodhpur und Karachi gibt). Im Prinzip ist es ein normaler Grenzübergang, so wie es ihn tausendfach überall auf diesem Planeten gibt, wenn da nicht diese Sache mit dieser Grenzschließzeremonie wäre. Diese findet jeden Tag etwa gegen Sonnenuntergang (im Sommer also etwa um 18:30 Uhr) statt.

Wieso sich also die Mühe machen, 30 Kilometer aus Amritsar Richtung pakistanische Grenze fahren, wenn man dort nichts anderes sieht, als Soldaten die die Grenze für die Nacht schließen? Naja, ganz so einfach ist es dann auch wieder nicht. Auf beiden Seiten der Grenzposten befinden sich Tribünen, auf denen jeden Tag tausende von Menschen Platz nehmen, um sich eine der skurrilsten Paraden der Welt zuzusehen.

Beide Seiten veranstalten jeden Tag ein riesiges Spektakel rund um das Flaggeneinholen und Toreschließen. Es gibt Soldaten in kitschig-bunten Uniformen, mit riesigen Fächern am Kopf, mit denen sie aussehen, wie ein Gockel, die dann theatralisch auf und ab marschieren, stampfen, Lufttritte ausführen, und Richtung Pakistan/Indien im wahrsten Sinne des Wortes die Muskeln spielen lassen. Das alles passiert unter dem ohrenbetäubenden Getöse riesiger Lautsprecher, die, trotz mangelnder Soundqualität, durchgehend Bollywoodmusik spielen, um das Gejubel und die Musik, die ihrerseits von der anderen Seite der Grenze herüberhallen, zu übertönen.

Außerdem gibt es noch einen Entertainer, der mit seinen „Hindustan!“-Rufen die Massen zum kochen bringt. Richtige Länderspielstimmung eben. Und während man als Ausländer separiert auf einer eigenen Tribüne Platz nimmt, drängen sich tausende Inder im Freudentaumel auf den Rängen. Nachdem die Flaggen beider Länder synchron (denn wehe eine Seite ist schneller) eingeholt wurde, gibt es noch einen kurzen, frostigen Handschlag zwischen den beiden Ländern, danach werden die schweren Gittertore verschlossen. Bis zum nächsten Morgen, wenn sie, unter viel weniger Aufwand, wieder geöffnet werden.

Nachdem das Schauspiel, das für beide Länder übrigens todernst ist, aber auf die ausländischen Besucher eher wie ein groteskes Theaterstück wirkt, vorbei ist, darf man sich dem Grenzzaun nähern, und einen Blick in das jeweils andere, fremde Land werfen. Wo noch zuvor Patriotismus und übermäßige Potenz gewirkt hatte, tritt plötzlich verstohlene Neugier ans Tageslicht. Köpfe werden gehoben, manche steigen sogar auf die Zehenspitzen, nur um zu sehen, wie es denn da im anderen Land so ist. Und siehe da: die Menschdn auf der anderen Seite sehen doch eigentlich gar nicht anders aus, als auf der Eigenen (abgesehen von den vielen weißen Touristen auf Seiten Indiens). Fast schon vorsichtig wird die Kamera gezückt, nur um ein schnelles Foto von diesem fremden Land zu machen, in das die meisten nie einen Fuß setzen werden. Am Ende des Grenzzauns posieren dann die Soldaten noch brav für ein Foto für das Familienalbum, und plötzlich, ehe man sich versieht, ist der Grenzzaun verschwunden.

An seine Stelle ist nun ein nicht einmal hüfthohes Geländer getreten, und irgendwie fühlt man sich plötzlich nicht mehr wie an einer Grenze zwischen zwei Konfliktparteien. Nein, im Gegenteil. Eigentlich sind es nur 2 einfache Schritte hinüber ins andere Land, so nah, so einfach, und trotzdem so fern.

Ich lasse die Grenze hinter mir, doch der Gedanke, dass es sich hier um Feinde, die sich bis auf den Tod nicht ausstehen können, handelt, hat zu bröckeln begonnen. Zwar sind die Gräben tief, und diese beiden Länder werden wohl nie Frieden schließen, aber zumindest die einfachen Leute wirken nicht so, als würden sie unbedingt aufeinander losgehen wollen.

Andererseits darf man auch nicht vergessen, dass beide Länder im Hinterland seit nun über 40 Jahren dutzende Atomwaffen aufeinander richten, nur darauf wartend, dass das jeweils andere Land einen Fehler begeht.

Es ist ein Trügerischer, ein Unberechenbarer – ein „Kalter Frieden“ im sonst so heißen Südasien.

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