Amritsar – Tage der Unbeschwertheit; zumindest fast

Eigentlich war die ganze Route ja anders geplant gewesen: ich wollte mich nach Delhi auf den langen Weg in den Norden machen, am besten Richtung Leh und in das entlegene Spiti-Valley und dazu sollte Amritsar der Ausgangspunkt sein. Spätestens nach meiner Rückkehr aus Bangladesch hatte sich dieser Plan aber grundlegend verändert, und mein Fokus verlagerte sich auf Radjasthan.

Dennoch wollte ich Amritsar nicht auslassen, und das obwohl es eine Sackgasse war und ich die 12h von Delhi auch wieder zurück musste, aber irgendetwas sagte mir, dass ich dennoch dorthin fahren sollte. Nach langer Zeit, die ich in mehr oder weniger netten Unterkünften verbracht hatte, war mir wieder nach einem richtigen Backpacker Hostel, mit Schlafsälen, Ärger über das geteilte Bad und Lärm bis spät in die Nacht hinein. All das wollte ich wieder, und deshalb suchte ich ein bisschen im Internet, und wurde auch fündig.

Das Jugaadu’s Eco Hostel sollte es also werden. Gut. Dass es jedoch erst seit 2 Monaten offen hatte, und kein Rickshawfahrer es kannte (kennen wollte) wusste ich da ja noch nicht. Vom Bahnhof zum Goldenen Tempel finden sie ja alle (dürfte auch nicht so schwer sein, denn 100.000 Besucher kommen dort jeden Tag hin), doch ab dann wirds schwierig. Nach über einer halben Stunde Irrfahrt und dutzenden Stops, bei denen wir nach dem Weg fragten, blieben wir plötzlich stehen, und fragten erneut nach dem Weg. Die Antwort von dem Inder war dann doch sehr überraschend: „Of course I know where the Hostel is. I am Sanjay and the owner of it. It is right behind you.“ Von diesem Moment an begann alles anders zu werden, als die bisherigen Wochen.

Das Hostel hätte so auch in jeder europäischen Stadt stehen können, und so war es auch gemeint von Sanjay, der nach über 1.5 Jahren reisen beschlossen hatte, ein Hostel in Indien zu eröffnen. (Ein nettes Zitat, das mir gerade von ihm einfällt: „Eigentlich habe ich nie mit dem Backpacken aufgehört. Ich wohne immer noch in einem Hostel, schlafe in einem Stockbett und versperre meine Sachen in einem Spind; nur dass es jetzt mir gehört, ist etwas Neues“)

Am selben Tag ging es dann noch zur Zeremonie an der indisch/pakistanischen Grenze, aber dazu später mehr.

Die nächsten Tage sollten aus einer Mischung aus Reisen und großem Nichtstun werden. Sanjay bemühte sich den ganzen Tag mit vollem Einsatz, unseren Aufenthalt so gut wie möglich zu machen, denn man konnte fühlen, dass er immer noch viel mehr Backpacker war, als Hostelbesitzer. Ich kann nicht sagen, wie viele Stunden ich auf den Sitzkissen im Gemeinschaftsraum verbracht habe, sitzend, liegend, schlafend, schreibend, redend, nichtstuend, aber ich würde keine Sekunde als verschwendet erachten.

Ich bin dann doch auch einige Male zum Goldenen Tempel gegangen, denn dieser Ort hat etwas an sich, das man mehr als 1x erleben sollte. Abgesehen von den 100.000 Sikh-Pilgern, die jeden Tag hierher kommen, ist auch das Essen im Tempel, welches für jeden, der möchte, gratis ist, sehenswert.

24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr gibt es hier warmes Essen. Die Arbeit wird von Freiwilligen übernommen, und es funktioniert wie am Fließband. Man bekommt einen Blechteller, einen Löffel und eine Schale in die Hand gedrückt, während man sich durch den tosenden Lärm von hunderten von Abwäschern vorbei an Dutzenden von Zwiebelschälern vorbeibewegt. Es gibt 2 Hallen, die im Wechsel für all die Hungrigen geöffnet werden. Man setzt sich in Reihen hin, und schon rücken die freiwilligen Essensausgebern an, die Brot, Currys, Wasser und Milchreis ausgeben. Gegessen wird, bis man satt ist. Niemand soll hier hungrig aus dem Tempel gehen. Anschließend bringt man sein Geschirr zu den bereits wartenden Abwäschern, während hinter einem schon die Putzkolonnen rausrücken, um die Halle für dir nächsten Gäste zu reinigen.

Am letzten Tag wollte ich ein letztes mal im Tempel essen (sicher schon zum 4. oder 5. mal), doch zuvor sollte es noch etwas zu trinken werden. Nach dem Anstellen wollte ich dann das Wechselgeld einstecken, und der erste Gedanke war: „Oh nein…“
Nein, nicht meine Geldbörse war verschwunden, sondern mein Handy, das ich in der selben Tasche eingesteckt hatte. Zurück im Hostel war dann auch jede Hoffnung dahin, dass ich es vielleicht dort vergessen hatte. Sanjay fragte nicht lange, sondern schnappte mich, und wir fuhren gemeinsam auf seinem Roller zurück zum Tempel, um zumindest die letzte Hoffnung aufrechtzuerhalten, dass ich es vielleicht doch nur verloren hatte, und jemand habe es gefunden. Aber nein. Es blieb verschwunden. Es war zum Glück ein altes Handy, aber dennoch ärgerlich. Daher setzte ich meine Reise nun ohne Handy fort. Immerhin ein neues Gefühl, etwas getrennter von der Heimat zu reisen. Shit happens.

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