Varanasi – Stadt der Toten; oder etwa doch nicht?

Varanasi. Fuer viele Hindus ist das der Inbegriff der Spiritualitaet. Hier zu sterben beduetet, dass man aus dem Kreislauf der Reinkarnation erloest wird, und seine Seele im Nirvana Frieden finden kann. Dementsprechend gross ist der Auflauf an Menschen, die einzig und allein hierher pilgern, um zu sterben. Viele kommen jedoch auch, um sich mit einem Bad im Ganges von all ihren Suenden reinzuwaschen. Und zu guter Letzt kommen noch viele auslaendische Touristen in die Stadt, um genau da zu sehen. Doch alles der Reihe nach.

Nachdem ich in Kalkutta gelandet war, fuhr ich direkt mit einem der Pre-Paid Taxis zum Bahnhof. Dort angekommen musste ich feststellen, dass die Abfahrtszeit meines Zuges nach Varanasi verschoben wurde. Eigentlich sollte er am 08. August um 23:55 Uhr losfahren, doch er neue Abfahrtsplan sagte folgendes: Abfahrt am 09. August um 07:00. Ich musste grinsen, denn die Situation war schon so grotesk, dass ich mich gar nicht mehr darueber aergern konnte. Wie um alles in der Welt kann man einen Zug, den viele extra deshalb waehlen, um die Nacht zu ueberbruecken, 7 Stunden auf den naechsten Morgen verschieben? Naja egal, ich rueckte eine der Baenke im Warteraum zur Wand, und veruchte etwas zu schlafen, was mir auch immer in 20-Minuten-Bloecken gelang.

Aber jetzt zu Varanasi: kaum angekommen, teilte ich mir mit einem Inder, den ich im Zug kennengelernt hatte, ein Taxi, denn er fuhr in die selbe Richtung. Die Gassen der Altstadt sind so eng, dass hier keine Rickshaws fahren koennen, was bedeutet, dass man eben zu Fuss gehen muss. Dabei sollte man aber groesste Vorsicht walten lassen, vor allem nachts. Nicht, weil es so gefahrlich ist, sondern viel mehr deshalb, weil es keine Strassenbeleuchtung, dafuer aber viele Kuehe gibt (Ausrutschgefahr mitinbegriffen!).

Die Stadt an sich ist mit das Verrueckteste, das ich bisher in Indien gesehen habe. Menschen draengen Richtung der vielen Stufen, die in den Ganges fuehren (= Ghats), um sich dort zu baden, ihre Waesche zu waschen, oder Opfergaben darzubringen. In dem Labyrinth aus verwinkelten Gassen kann man ueberall alle moeglichen Gefaesse, Anhaenger, Ketten und Statuen fuer die diversen Rituale kaufen. Aufgrund der sicherheitstechnischen Probleme, die es immer wieder in den lezten Jahren gab, stehen an jeder Ecke mindestens 2 (meist sind es sogar 5-6) bewaffnete Polizisten und Soldaten. Um in den Vishnawath-Tempel zu kommen darf man ueberhaupt nur seinen Pass und, wenn man Glueck hat, seinen  Zimmerschluessel, mitnehmen.

Ein weiteres grosses Highlight sind die „Burning Ghats“, vor allem das Groesste, dessen Feuer von Gott Shiva persoenlich vor ueber 3500 Jahren entzunden wurde – so die Legende.

Zum Verstaendis: verstirbt ein Hindu zu hause, wird die Einaescherung so schnell wie moeglich durchgefuerht. Die Familie rasiert den Leichnam und wickelt ihn anschliessend in einen weissen Leinensack, der dann, bunt geschmueckt, auf einer Bahre vom Haus zu einem der Burning Ghats getragen wird. Dabei wird die ganze Zeit gesungen. Dort angekommen, lassen sich die maennlichen Familienmitglieder den Kopf rasieren, nur eine kleine Stelle am Hinterkopf bleibt stehen. Danach wird der Verstorbene im Ganges gewaschen, bevor sich die Familie ebenfalls reinigt. Hier sind Frauen bereits nicht mehr zugelassen, denn man ist der Auffassung, dass sie zu emotional seien, und wenn bei einer Einaescherung geweint wird, verwehrt man dem Toten damit den Weg ins Nirvana.

Ist das geschehen, wird ein Scheiterhaufen aus Holz aufgetuermt, und anschliessend der Tote verbrannt (Das dauert etwa 2.5-3 Stunden). Am Ende werden die Ueberreste (meist Becken-, Brust-, und Schaedelknochen sowie die Asche) eingesammelt, und ueber dem Ganges verstreut.

Das gesamte Ritual geschieht in er Oeffentlichkeit, Fotos sind hingegegn strikt untersagt.

Zu meiner Enttaeschung fuerht der Ganges derzeit ueber 10m mehr Wasser als normal, das heisst auch, dass die beruehmten Ghats entweder komplett, oder zumindest sehr weit unter Wasser stehen. Auch Bootsfahrten sind aufgrund der Stroemung und eines Unfalls mit ueber 40 Toten vor wenigen Tagen derzeit verboten.

Varanasi ist eine Stadt, die unterschiedlicher nicht sein koennte. Auf der einen Seite werden im Minutentakt Tote auf ihrem letzten Weg zu den Burning Ghats durch die Stad getragen, andererseits wird nur wenige Meter daneben mit Gemuese und Fleisch gehandelt. Trotz des Totenkults spuert man hier keine Trauer. Die Menschen feiern den Tod und das Leben zu gleichen Teilen. Hier wird sich jeder seiner Sterblichkeit bewusst, doch der Tod wird nicht als das Ende gesehen, denn der Verstorbene muss nicht erneut die Reinkarnation und die damit verbundenen Leiden des Lebens ertragen, sondern wird erloest und erreicht das Nirvana.

Ich denke, dieser Widerspruch, der in Varanasi nicht wie einer erscheint, ist es, der diese uralte Stadt einzigartig macht.

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