Queuing, Queuing, Queuing

Wimbledon steht für Tennis auf höchstem Niveau, Rasen und Erdbeeren. Doch um überhaupt in den Genuss dieser Dinge kommen zu können benötigt es einer Eintrittskarte für das älteste Tennisturnier der Welt. Also stellt sich die Frage: “Woher nehmen, wenn nicht stehlen?”.
Eine Möglichkeit besteht darin, sich das Ticket einfach über das Internet zu kaufen. Doch das ist sowohl teuer als auch langweilig. Die zweite Option ist es, sich für eine der begehrten Eintrittskarten anzustellen. “The Queue”, wie sie die Briten  liebevoll nenen ist nämlich eine einfache und billige Möglichkeit, am Zauber von Wimbledon teilhaben zu dürfen.
Als großer Tennisfan habe ich mich daher kurzerhand entschlossen, nach London zu fliegen, um diese Erfahrung zu machen, welche ich nun vor allem mit denjenigen teilen möchte, die das gleiche vorhaben;

Sonntag, 23. Juni 2013 um 09:30 Uhr

Es ist der Tag vor dem Start des Turniers. Am besten fährt man mit der U-Bahn bis zur Station “Southfield” und folgt dann den Menschen, die sich oft mit gewaltigen Mengen an Campingutensilien auf den Weg in den Wimbledon Park machen. Es dauert etwa 10 Minuten und dann sieht man sie: “The Queue”. Das System ist einfach: man kommt in den Wimbledon Park und reiht sich erstmal ein. Mit den freundlichen Worten “Please join the Queue” wird man zu seinem Platz gewiesen. Hat man das Ende der Schlange erreicht kann man schon einmal damit beginnen, sein Zelt aufzubauen, auch wenn die Nacht noch weit entfernt ist. Ich habe aus Platzmangel darauf verzichtet, ein Zelt mitzubringen, und schnell stellte sich heraus, dass ich damit einer sehr kleinen Minderheit angehören würde.

Etwa gegen Mittag war es dann soweit, die Stewards – sehr freundliche Menschen, die sich freiwillig als “Betreuerpersonal” zur Verfügung stellen, und dafür nicht einmal bezahlt werden – beginnen nun, die “Queuing-Cards” zu verteilen. Auf diesen befindet sich eine Nummer, die der Position in der Warte Schlange entspricht. Meine Nummer lautete 599. Ich war etwas enttäuscht, da es für die großen Courts nur jeweils 500 Tickets gab, und ich unbedingt Roger Federer am Center Court spielen sehen wollte. Doch ich wusste, dass ich vermutlich das Ticket für Court No. 1 bekommen würde. Jene, die unter den ersten 50 waren meinten, dass sie schon eine Pre-Queue hatten, die sich schon vor den Toren des Wimbledon-Parkformte, als es nicht einmal noch 06:30 war. Auch die Stewards meinten, dass vor allem die ansteigende Popularität von Andy Murray der Grund waren, wieso so viele Menschen schon so früh zu warten begannen.
Die Zeit vertreibt man sich am besten damit, Kontakte mit anderen Wartenden zu knüpfen. Wenn man sich auch nur im Entferntesten für Tennis interessiert (und das tut man ja, sonst würde man nicht diese Strapazen auf sich nehmen) findet man ohne Mühe einen Gesprächspartner. In meinem Fall waren das 2 tschechische Studenten sowie zwei Ungarn, von denen einer eine britische Verlobte hatte. Die Zeit verflog, und unsere Unterhaltung wurde lediglich von immer wieder kommenden Regenschauern unterbrochen. Ich – ohne Zelt angereist – fühlte mich etwas verloren, während der Regen niederging und sich alle in ihren Zelten versteckten. Doch ich wurde freundlicherweise von dem britisch-ungarischen Pärchen in ihr Zelt eingeladen, um ja nicht nass zu werden.
Als es dunkel wurde, begann es ruhiger zu werden im Wimbledon Park. Ich zog alle meine Kleidungsstücke übereinander an, schlüpfte in meinen Schlafsack (unter dem ich glücklicherweise eine Iso-Matte gelegt hatte), zog mir meine Kapuze tief ins Gesicht und hoffte auf eine regenfreie Nacht.

 

Montag, 24. Juni 2013
Zugegeben: ich habe schon besser geschlafen, doch es hätte schlimmer kommen können. Es bliebt trocken, und während alle jammerten, dass die Nacht ziemlich kalt gewesen war, kann ich sagen, dass ich trotz meiner Zeltlosigkeit nicht gefroren hatte. Um 06:30 wurden wir von den Stewards geweckt, jedoch hatte ich davon wegen meiner Ohrenstöpsel (die mir eine ruhige Nacht gesichert hatten) nichts mitbekommen. Erst später wurde ich von meinem ungarischen Zeltnachbarn geweckt.
Wir bekamen die Möglichkeit, uns zu waschen und Zähne zu putzen. Dabei musste ich feststellen dass sich die Schlange, die am Vorabend noch etwa 1200 Mitglieder gezählt hatte, stark verlängert hatte (laut der österr. Tageszeitung “Die Presse” warteten bis zu 10.000 Menschen darauf eine der 7.000 Eintrittskarten zu erhaschen).
Um etwa 08:00 hatten wir unsere Sachen gepackt, und wir wurden von den Stewards in aufsteigender Reihenfolge “eingesammelt”. Doch wieder hieß es: “Please join the Queue”. Danach begann ein langes Warten, dass darin endete dass wir endlich unsere neonfarbenen Armbänder bekamen, die zeigten, welchen Court wir besuchen durften. Wie erwartet hatte ich die Chance auf den Center Court verpasst und bekam ein Armband für den Court No. 1.
Doch damit endete die Odyssee nicht, denn wieder hieß es “Please join the Queue”, als wir uns langsam zur Sicherheitskontrolle bewegten, und erneut, als es darum ging, das Gepäck abzugeben, denn lediglich ein Gepäcksstück durfte mit auf die Anlage gebracht werden. Der Rest musste gegen eine Gebühr von 1 Pfund (für normales Gepäck) beziehungsweise 5 Pfund (für Campingausrüstung) bezahlt werden. Da ich lediglich meine Isomatte außen auf den Rucksack geschnallt hatte wurde ich gefragt “Is this a Camping-Bag?”. Und da ich nicht 4 Pfung mehr bezahlen wollte, versicherte ich der Frau, dass es sich hierbei um einen “Travel-Bag” handle. Als dies der “Oberaufseher” mitbekam erklärte er der Frau deutlich, dass sie hierfür 5 Pfund verlangen müsse, doch als er den Kopf hob, um die verbleibenden 4 Pfund von mir einzukassieren, war ich bereits in der Menge verschwunden.
Als wir (nach erneutem Anstehen) endlich unsere Tickets kaufen durften, und die Anlage betraten war es 10:00. Mehr als 24 Stunden “Queuing” lagen nun hinter mir.

Meine persönlichen Do’s and Dont’s für das Warten in der “Queue”
-) Wenn du ein Ticket für die größten beiden Plätze willst, komm so früh wie möglich. Am besten kommst du um 08:00, wenn sich die Tore zum Wimbledon Park öffnen
-) Nimm ein Zelt mit. Du wirst nicht immer so viel Glück haben wie ich
-) Sei nicht schüchtern; sprich mit den Leuten
-) Kauf genug Essen ein (es gibt kurz nach der U-Bahn Station einen Supermarkt), denn das   Essen vor Ort ist teuer.
-) Nimm eine Iso-Matte oder Luftmatratze mit
-) Sowohl Regenschrim als auch Sonnencreme sollten nicht in deiner Ausrüstung fehlen.
-) Versuch deine Campingausrüstungn in einem großen Rucksack zu verstauen (so sparst du unnötige Kosten beim Abgeben deiner Sachen)
-) Versuch schon vorher herauszufinden, welcher Spieler auf welchem Court spielen wird; so fällt dir die Entscheidung leichter, welches Ticket du später nehmen wirst.
-) Wenn du kein Ticket für die großen Courts haben möchtest, komm am Tag des Matches um etwa 07:00 für einen “Ground-Pass”.

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